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Die Entschlüsselung der Langsamkeit

Zoologen der Universität Jena ergründen, wie Faultiere das Energiesparen perfektioniert haben: Ihr Leben steht Kopf - statt aufrecht der Schwerkraft zu trotzen, verbringen Faultiere den überwiegenden Teil ihres Lebens kopfüber in den Ästen von Bäumen hängend.

Müssen sie sich bewegen, so tun sie das nur langsam. Sehr langsam. Doch warum sind Faultiere so „faul“? Und wie hat sich der Bewegungsapparat dieser Außenseiter im Laufe der Evolution an ihre gemächliche Lebensweise angepasst? Das haben Zoologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena jetzt umfassend untersucht.

„Zu unserer großen Überraschung unterscheidet sich die Fortbewegung der Faultiere im Prinzip gar nicht so sehr von der anderer Säugetiere, etwa der Affen, die statt am Ast zu hängen, auf dem Ast entlang balancieren“, sagt Dr. John Nyakatura. Der Evolutionsbiologe hat im Rahmen seiner Doktorarbeit am Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit Phyletischem Museum die Fortbewegung von Faultieren mit einer Röntgenvideoanlage gefilmt und ihre Bewegungsabläufe analysiert. Das war anfangs gar nicht so leicht. Denn das erste Faultier, das der Jenaer Wissenschaftler vor der Kamera hatte, verweigerte schlichtweg die Arbeit. „Faultier Mats wollte einfach nicht kooperieren“, erinnert sich Nyakatura schmunzelnd. Deshalb wurde es an einen Zoo abgegeben und machte als „das faulste Tier der Welt“ rund um den Globus Schlagzeilen.

Die Zweifingerfaultiere Julius, Evita und Lisa zeigten sich dagegen kooperativer. Sie hangelten die dafür vorgesehene Stange in der Röntgenröhre entlang. „Ihre Beinstellung und die Beugung der Gelenke entspricht dabei exakt denen anderer Säugetiere beim Laufen“, erläutert Nyakatura. Insofern könne man sich die Fortbewegung der Faultiere praktisch als „Laufen“ unter dem Ast vorstellen. Nur eben viel langsamer als bei anderen Vierbeinern.


Das Faultier Julius wird im Rahmen der täglichen Fütterung von John Nyakatura an die Kletterstange gewöhnt.

Deutliche Unterschiede fand der Evolutionsbiologe allerdings im anatomischen Aufbau der Tiere. „Faultiere besitzen sehr lange Arme, aber nur sehr kurze Schulterblätter, die frei beweglich einem schmalen, abgerundeten Brustkorb aufliegen. Das verleiht ihnen einen maximalen Bewegungsradius.“ Außerdem sei es bei den Faultieren zu einer Verschiebung der Ansatzstellen bestimmter Muskeln gekommen, was es ihnen ermögliche, das eigene Körpergewicht mit möglichst geringem Energieaufwand zu halten.

„Die Anpassung an die langsame, energiesparende Art der Fortbewegung erfolgte in der Evolution der Faultiere ausschließlich über die Anatomie“, bilanziert John Nyakatura. Das sei umso erstaunlicher, als sich dieses Prinzip gleich zwei Mal unabhängig voneinander entwickelt habe: bei den Zweifingerfaultieren ebenso wie bei den Dreifingerfaultieren. Denn anders als es äußere Erscheinung und Lebensweise der Tiere vermuten lassen, sind diese beiden Familien evolutionär gesehen nur relativ weitläufig miteinander verwandt.

„Mit ihrer Lebensweise besetzen die Faultiere eine ökologische Nische“, ergänzt Prof. Dr. Martin S. Fischer, der die Arbeit von John Nyakatura betreut hat. „Faultiere führen ein Leben im Energiesparmodus.“ Das Ausnützen energiearmer Kost in Verbindung mit einer unauffälligen Lebensweise mache sie zu den absoluten „Energiesparmodellen“ unter den Säugetieren, so der Inhaber des Jenaer Lehrstuhls für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie. Und das sei ein ausgewiesenes Erfolgsrezept, was mit „Faulheit“ rein gar nichts zu tun habe.

Inzwischen untersuchen John Nyakatura und seine Kollegen übrigens keine Faultiere mehr – diese sind in den Dortmunder Zoo zurückgekehrt. Jetzt widmen sich die Jenaer Forscher u. a. dem Lauf von Vögeln.

(jenanews.de)
Foto: privat
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