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Das demokratische Dilemma

Politiker beschäftigen sich nur mit sich selbst; statt um die Lösung drängender Zukunftsprobleme kümmern sie sich lieber um den Erhalt ihrer Macht. Nicht nur an Stammtischen sind solche oder ähnliche Klagen immer wieder zu hören.

„Das Vertrauen in die Politik und ihre Akteure schwindet zusehends“, beobachtet auch Prof. Dr. Viktoria Kaina von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit Jahrzehnten etwa sinke die Wahlbeteiligung und auch der immer häufigere Ruf nach mehr direkter Demokratie zeuge von einem Misstrauen der Bürger gegenüber der politischen Elite, so die Politikwissenschaftlerin, die gerade zur neuen Inhaberin des Lehrstuhls für das Politische System der Bundesrepublik Deutschland ernannt worden ist.

Doch was bedeutet dieser Vertrauensverlust für die Demokratie? Das ist eine der zentralen Forschungsfragen, die Prof. Kaina nun an der Universität Jena untersucht. „Das demokratische System steckt in einem klassischen Dilemma“, ist die 41-Jährige überzeugt. „Für die Politiker ist es entscheidend, durch eine Wahl demokratisch legitimiert zu sein“, so Kaina. „Wer sich jedoch mit radikalen Reformplänen profiliert, riskiert in der Regel seine Wiederwahl.“ Dies führe zu einer permanenten „Gegenwartsfixierung“: „Die politische Agenda wird oftmals von der Länge einer Legislaturperiode bestimmt.“ Und das hat zur Folge, dass Zukunftsfragen, wie die nachhaltige Sicherung der Sozialsysteme oder der Energieversorgung, eher auf die lange Bank geschoben werden.

Geboren und aufgewachsen im brandenburgischen Guben, hat Viktoria Kaina nach einem Volontariat den Zusammenbruch der DDR und die Wendezeit als Redakteurin einer Tageszeitung im damaligen Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) erlebt. „Eine unglaublich spannende Zeit“ sei das gewesen, die ausschlaggebend für ihren weiteren Berufsweg war. „Damals ist bei mir der Wunsch entstanden, nicht nur über Politik zu berichten, sondern sie mit allen Hintergründen zu verstehen“, sagt sie. Im Jahr 1991 hat sie ihr Studium der Politikwissenschaft an der Universität Potsdam begonnen – kurz nach Gründung der dortigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, deren Aufbau sie als engagiertes Mitglied im Fachschafts- und Fakultätsrat aktiv selbst mitgestaltet hat. „Das hat mich stark geprägt.“

Nach dem Studium überlegte Viktoria Kaina, ob sie zurück in den Journalismus geht. Aber nur kurz: Bereits während des Studiums hatte sie „Forscherluft“ geschnuppert und an der 1995 erschienenen großen Potsdamer Elitestudie mitgearbeitet. „Da hat es mich dann gepackt.“ Das Verhältnis der politischen Eliten zur Bevölkerung wird eines ihrer zentralen wissenschaftlichen Themen. Darüber schrieb sie ihre Dissertation und wurde 2001 in Potsdam promoviert. In ihrer Habilitation, die sie 2008 ebenfalls an der Uni Potsdam abschloss, hat sich Kaina dann mit der Demokratie auf europäischer Ebene befasst. „Die antreibende Frage war, ob sich bereits ansatzweise eine gemeinsame europäische Identität entwickelt hat.“ Ein Gemeinschaftsbewusstsein bei den EU-Bürgern sei nicht nur eine wichtige Voraussetzung für die Demokratisierung der EU, sondern auch für die gegenseitige Solidaritätsbereitschaft innerhalb der Union. Diesem Thema hat sich die Wissenschaftlerin, die in ihrer Freizeit fotografiert, gern und viel liest und sich – von Science Fiction bis Lyrik – auch selbst schriftstellerisch ausprobiert, auch am Mannheimer Zentrum für Sozialforschung gewidmet. Nach Lehrstuhlvertretungen in Potsdam und Mannheim hat Kaina dort von 2010 bis 2011 mit einem Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft geforscht.

Dem Ruf nach Jena ist sie nun u. a. wegen der interdisziplinären Ausrichtung der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften gefolgt. Mit ihren Themen sieht sie hier zahlreiche Anknüpfungspunkte etwa in der Soziologie oder der Sozialpsychologie. Davon sollen langfristig auch ihre Jenaer Studierenden profitieren, die Prof. Kaina frühzeitig an das wissenschaftliche Arbeiten heranführen möchte. So plant sie beispielsweise ein Lehrforschungsprojekt ins Leben zu rufen.

(jenanews.de)
Foto: Anne Günther/FSU

 


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