Sonntag, 25 | 08 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Im Gespräch mit Christhard Läpple

jenanews.de im Interview mit dem Redaktionsleiter des ZDF-Kulturmagazins „aspekte“ über einen Beitrag, der in Jena viel Wirbel entfachte sowie über die am kommenden Montag stattfindende Podiumsdiskussion im Theaterhaus Jena.

jenanews.de: Hätten Sie je geglaubt, dass ein Beitrag eines TV-Kulturmagazins eine derartige Resonanz erzeugen kann?
Christhard Läpple: Kulturmagazine haben die Aufgabe, Dinge gegen den Strich zu bürsten, schließlich ist es ja gerade das Wesen der Kunst, auf Missstände aufmerksam zu machen. Aber ich hätte in meinen kühnsten Träumen nicht mit einer derartigen Reaktion gerechnet.

jenanews.de: Mein Eindruck war, dass das erste Statement von Anna Riek, einer der Autorinnen des Beitrages, auf die vielen Zuschauerkommentare nicht unbedingt hilfreich war.
Christhard Läpple: Es gibt immer zweierlei Formen von Wahrnehmung: Einmal die in Jena, und die war sehr entschieden und eindeutig, dann die Wahrnehmung des Beitrags außerhalb von Jena und in großen Teilen der Republik, und die war eine völlig andere. Offenbar gibt es bestimmte Bereiche und Themen, die, wenn sie angesprochen werden, offenlegen, dass Ost und West noch deutlich weiter auseinander liegen als immer angenommen. Oder es gibt noch immer sehr stabile Klischees und Vorurteile.
Aus dem Westen der Republik bekamen wir auf diesen Beitrag fast keine negative Kritik. Der Grundtenor dieser Meinungen war, endlich wurde ausgesprochen, dass es Probleme geben kann, wenn man im Osten Deutschlands unterwegs ist und Angehöriger bestimmter ethnischer Gruppen ist.

jenanews.de: Aber das trifft den Kern des Problems nicht, denn wer von außerhalb nach Jena kommt, kennt die hier herrschenden Gegebenheiten nicht. Würde er Ihrem Film glauben, müsste er ein komplett falsches Bild von Jena haben, und so bleibt es bei der Kritik, dass Jena im aspekte-Beitrag sehr einseitig dargestellt wurde.
Christhard Läpple: Das stimmt, und in dem Punkt sehe ich tatsächlich auch den Fehler. Der Film hätte ebenso das Engagement der Bürger, der Lokalpolitiker und des Oberbürgermeisters im Kampf gegen die Neonazis erwähnen müssen. Insoweit sind wir uns in der Redaktion auch einig, doch geschah dies nicht mit Vorsatz oder aus Böswilligkeit.
Die Autorinnen Güner Balci und Anna Riek hatten ursprünglich in Zwickau drehen wollen, dann ergab sich im Lauf der Recherche, dass in Jena zwei interessante Gesprächspartner zu Verfügung stünden. Einerseits der rechte Aussteiger Uwe Luthardt, zum anderen der eher linke Jugendpfarrer Lothar König. Und es bleibt eine Tatsache, dass die Heimatstadt der drei Neonazis, die im Beitrag erwähnt werden, Jena ist.

jenanews.de: Aber inzwischen äußert selbst Steven Uhly, den das aspekte-Team in Jena mit der Kamera begleitet hatte, Kritik am Beitrag und wirft den Autorinnen vor, falsch zitiert worden zu sein bzw. Äußerungen aus dem Zusammenhang in den Beitrag geschnitten zu haben. Rudert Uhly aus Ihrer Sicht jetzt zurück und schiebt Ihrem Team den schwarzen Peter zu?
Christhard Läpple: So könnte man das nennen. Hier greift vermutlich ein Schutzmechanismus, denn den Schriftsteller Steven Uhly erreichten nach Ausstrahlung des Beitrags nicht nur Zuschriften, die sich konstruktiv mit seiner Haltung auseinander setzten. Da wurden unter anderem auch Äußerungen laut, man müsse Uhlys Bücher verbrennen und Uhly sei selbst ein Nazi. Also ganz übel, was da passierte.
Unmittelbar nach Ausstrahlung des Beitrags war Uhly ganz offensichtlich mit dem Film zufrieden, denn er sendete den Autorinnen eine SMS und gratulierte zum gelungenen Beitrag: „Hallo Ihr zwei, toller Beitrag! Habt Ihr super gemacht!“

jenanews.de: Wird Steven Uhly am kommenden Montag an der Podiumsdiskussion im Theaterhaus Jena teilnehmen?
Christhard Läpple: Steven Uhly hat mit der Begründung abgesagt, dass es aus seiner Sicht jetzt noch zu früh sei und er möchte nicht schon wieder Opfer werden. Er kann sich aber vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt im Rahmen einer Lesung erneut nach Jena zu kommen und den Austausch zu suchen.

jenanews.de:
Das klingt für mich so, als möchte er sein Buch verkaufen, wenn er die Diskussion mit einer Lesung verknüpft.
Christhard Läpple: In diesem Punkt kann ich nicht für Steven Uhly sprechen. Generell halte ich es für wichtig, dass wir miteinander ins Gespräch kommen und kultiviert, konstruktiv und aufgeschlossen unsere Ansichten darlegen.

jenanews.de: Das Ganze ist ja inzwischen schon zu einem Politikum geworden. Thüringens Ministerpräsidentin bezeichnete den aspekte-Beitrag als „zynisch und tendenziös“. Wie bewerten Sie das?
Christhard Läpple: Es ist in der Tat erstaunlich, welche Töne da bisweilen angeschlagen werden. Es wäre großartig, wenn wenigstens ein Bruchteil dessen, was da an Protesten gegen den Beitrag hochkocht, bei den Opfern ankäme – und zwar in Form von Hilfe und Solidarität, in Form von Aufklärung und Hinsehen.
Der Beitrag hat einen Mangel, und den haben wir sofort eingeräumt: Wir haben es versäumt, Jena als die weltoffene und liberale Stadt darzustellen, die sie ist. Die Bürger Jenas können zu recht stolz sein auf das Erreichte. Aber: Es hat doch Gründe, weshalb zum Beispiel Menschen mit dunkler Hautfarbe sagen, es gibt Gegenden in diesem Land, da fühlen wir uns nicht sicher. In wie weit ist der Schutz durch die Behörden da überhaupt noch gegeben?

jenanews.de: Aber das ist so im Beitrag überhaupt nicht angesprochen worden. Stattdessen beginnen Sie Ihr Statement etwas süffisant mit dem Goethe-Zitat von Jena, dem „lieben, närrischen Nest“ und halten zum Schluss erneut Uhlys Buch in die Kamera. Das ist in Jena vielen bitter augestoßen.
Christhard Läpple: Das mag sein, aber vielleicht müssen alle Beteiligten lernen, besser zuzuhören und Kritik als das aufzunehmen, was sie ist, nämlich der Versuch, Dinge zu verbessern. Provokant formuliert, glaube ich, dass aus Jena keine Protestbriefe gekommen wären, wenn wir den Beitrag in Zwickau gedreht hätten. Dann hätten sich vermutlich die Zwickauer empört, aber dahinter verbirgt sich nach meiner Auffassung generell ein ganz anderes Problem. Die Menschen lassen sich nicht gern bevormunden. Weder von Politikern und Parlamenten, noch von den Medien.
Weshalb ich noch einmal auf Uhlys Buch hingewiesen habe? Weil es ein Stück jener Thematik behandelt, die uns aktuell sehr beschäftigt. Es geht um einen V-Mann, der zum Mörder wird. Es geht um die fragwürdigen Methoden der Geheimdienste – der aktuelle Bezug zu Steven Uhlys Roman ist gegeben und ich halte es für legitim, dass ein Kulturmagazin seinen Zuschauern Bücher empfiehlt.

jenanews.de: Glauben Sie, dass am Montag eine konstruktive Diskussion möglich sein wird?
Christhard Läpple: An mir soll es nicht scheitern. Wenn sich der Pulverdampf verflüchtigt hat und wir wieder zugänglich sind für die Argumente und Positionen des Gegenüber, kann diese Veranstaltung wichtige Impulse geben.
Jena hat in den letzten Jahren ohne jeden Zweifel viele wichtige Zeichen gesetzt im Kampf gegen Neonazis und Rechtsextremismus. Dennoch gilt es zu klären, wie es dazu kommen konnte, dass junge Menschen ins rechtsradikale Milieu abrutschen und 13 Jahre mordend und raubend durch Deutschland ziehen konnten, noch dazu nahezu unbemerkt von Polizei und Verfassungsschutz! Das ist die Realität, mit der wir uns auseinander zu setzen haben.
Ich freue mich auf die Veranstaltung, die ja auch von uns mit angeregt wurde und ich freue mich auf den Gedankenaustausch mit den Jenaer Bürgern.

Das Gespräch führte Jens Mende
Foto: © Andreas Schoelzel. Quelle: christhard-laepple.de - mit freundlicher Genehmigung.
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