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Petersenplatz: Warum werden Jenas Bürger nicht gefragt?

Der Jenaer Stadtrat lehnte am Mittwoch einen Antrag für eine Volksbefragung in Sachen Petersenplatz ab. Weshalb aber werden die Bürgerinnen und Bürger nicht gefragt, wenn es um Themen direkt vor ihrer Haustür geht?

Ob Petersen nun der Rassist, Antisemit und / oder gar der Nazi aus tiefster innerer Überzeugung war, für den ihn viele der heutigen Befürworter einer Umbenennung des Petersenplatzes halten, werden vielleicht erst künftige Forschungsergebnisse belegen oder entkräften können.
Doch solange will die Pro-Umbenennungs-Fraktion nicht warten. Bereits im Sommer könnte nach dem am Mittwoch im Jenaer Stadtrat gefassten Beschluss der Petersenplatz einen anderen Namen tragen.

Was an Material gegenwärtig über Petersens Verhalten zwischen 1933 und 1945 vorliegt, lässt darauf schließen, dass der Reformpädagoge ein Mitläufer und Claqueur der braunen Machthaber war, der sich den Bedingungen des 3. Reiches anpasste, um seine Arbeit ungehindert fortsetzen zu können. Das macht es zwar nicht besser, was da an Rassismus und Antisemitismus aus Petersens Feder kam, doch mit welcher Arroganz wollen wir, die wir gut 60 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur leben, heute behaupten, wir hätten uns an Petersens Stelle unter den gleichen schlimmen Bedingungen moralisch integerer verhalten?

Dabei ist es gerade einmal gut 20 Jahre her, dass sich viele Jenaer Bürgerinnen und Bürger am Sturz der SED-Machthaber beteiligten. Doch war die DDR tatsächlich ein Land voller Helden und jeder ihrer 17 Mio. Einwohner ein Widerstandskämpfer gegen Ulbricht, Honecker & Co.?
Wie oft haben wir uns an Schul- und Betriebswandzeitungen, in Stellungnahmen für die Kreiszeitung oder in Verpflichtungserklärungen jedweder Art im Sinne des Systems geäußert? Für die Stärkung des Sozialismus? Für die FDJ, der Kampfreserve der Partei? Wir haben diesen Unsinn lange währen lassen; vielleicht zu lange. Wir haben den Westen verteufelt, den Mauerbau öffentlich bejubelt und Sonderschichten zu Ehren des 40. Jahrestages unserer sozialistischen Heimat geleistet.

Doch sind wir deshalb alle Stalinisten, Kommunisten? War es nicht eher so, dass wir uns den Gegebenheiten mehrheitlich anpassten und unser Auskommen in einem System suchten, dass uns manchmal nicht die Luft zum Atmen ließ? Kann Petersen unter den Bedingungen des Nazireiches nicht auch ein ebensolcher Opportunist gewesen sein, der sein Auskommen suchte?

Was in meinen Augen jedoch viel schwerer wiegt: Der Jenaer Stadtrat hat in seiner Sitzung am Mittwoch einen Antrag abgelehnt, der eine Volksbefragung vorsah: Für oder gegen eine Umbenennung. Die Bürgerinnen und Bürger Jenas aber müssen gefragt werden, ob sie in ihrem Zentrum weiterhin einen Petersenplatz haben möchten oder nicht. Das Volk als der angeblich eigentliche Souverän unserer Demokratie darf nicht übergangen werden; schon gar nicht, wenn es um Themen direkt vor seiner Haustür geht. Mit Entscheidungen aber wie der am Mittwoch gegen eine Volksbefragung verlieren (Lokal)politiker weiter an Glaubwürdigkeit.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Wandel. Mehr und mehr Bürger möchten sich an politischen Entscheidungsprozessen beteiligten, möchten gefragt und gehört werden. Und nicht erst Stuttgart 21 oder die Anti-Atom-Proteste haben verdeutlicht, wohin es führen kann, wenn über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden wird.

Die Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht darauf gefragt zu werden und mit zu entscheiden, was in ihrer Stadt, in ihrem Land geschehen soll.

Text: Jens Mende

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