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20 Jahre friedliche Revolution oder Fremdschämen für Schabowski

Im Sommer 2009 fand ein vom Collegium Europaeum Jenense, der Stadt Jena sowie der OTZ organisiertes Kolloquium zum Thema „20 Jahre friedliche Revolution“ in Jena statt. Die dafür eingereichten Beiträge veröffentlichte nun der Jenaer IKS Garamond Verlag. Eine Geschenkempfehlung für das Weihnachtsfest? Urteilen Sie selbst...


Die Idee an sich ist gut: Mehr oder minder namhafte Zeitzeugen rekapitulieren aus ihrer Sicht jene Ereignis reiche Zeit zwischen Sommer 1989 und Frühjahr 1990. So kann Geschichte nachvollziehbar werden auch für die Spätergeborenen oder wiederauferstehen vor dem geistigen Auge der damals Beteiligten. Beim Lesen der am Buch beteiligten Autoren macht sich denn auch eine gewisse Vorfreude breit. So schreibt der Botschafter der Republik Österreich in Ost-Berlin über „die Beziehungen zwischen Österreich und der Deutschen Demokratischen Republik 1972 – 1990“. Oder Ullrich Erzigkeit, Chefredakteur der Osttüringer Zeitung, berichtet über die Entstehungsgeschichte der „Ostthüringer Nachrichten/Ostthüringer Zeitung“. Frank Schenker, heute Sozialdezernent der Stadt Jena, und Dr. Albrecht Schröter, Jenas Oberbürgermeister seit 2006, beide damals hautnah dabei in jenem heißen Herbst 1989, erzählen von ihrer ganz persönlichen Wende.

Was mit einer großen Portion Vorfreude beginnt, wandelt sich beim Lesen teils in Kopfschütteln, teils in Ablehnung. So gelingt es Ullrich Erzigkeit nicht, den spannenden Umbau eines sozialistischen Parteiorgans zur die Möglichkeiten der Pressefreiheit ausnutzenden Tageszeitung zu beleuchten. Stattdessen geraten seine Erinnerungen an die Entstehungsgeschichte der Ostthüringer Nachrichten mehr und mehr zur achtseitigen Werbebroschüre für die WAZ-Gruppe, dem heutigen Besitzer der OTZ.
Oder Günter Schabowski, bis zur allerletzten Sekunde Mitglied des Zentralkomitees der SED, schreibt einen 26-seitigen Beitrag zum Thema – bitte festhalten! - „Vergesellschaftete Wirtschaft- der Krebsschaden des Sozialismus“. Es entbehrt nicht einer gewissen Portion Ironie, wenn ausgerechnet jener Schabowski, der über Jahrzehnte im Zentrum der Macht saß und über nicht unerhebliche Entscheidungsgewalt verfügte, sich 20 Jahre nach der Wende als der Welt größter Sozialismuskritiker entpuppt. Falls Ihnen das Wort „fremdschämen“ geläufig ist, können Sie in etwa nachvollziehen, wie ich mich beim Lesen seines Beitrages fühlte...

Demgegenüber ist es ein Highlight, wenn Frank Schenker gerade einmal zwei Seiten für seine Erinnerungen benötigt und die Situation im heutigen Albanien mit unserer im Jena des Jahres 2010 vergleicht und zu dem Schluss kommt: „ Wir brauchen immer wieder die Erinnerung, die Vorstellungskraft, wie es hätte weitergehen können. Wir sind aufgerufen, die Probleme der Gegenwart in Freiheit und Verantwortung vor dem eigenen Gewissen zu lösen.“

Ähnlich verfährt Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter in seinem Beitrag. Er fasst den Bogen weiter, beginnt mit einem Rückblick auf die Kommunalwahl im März 1989 und zitiert aus seinem Tagebuch. So wird Geschichte lebendig, hier verschmilzt der Autor mit den von ihm wiedergegebenen Ereignissen und nimmt den Leser mit auf eine Reise in unsere jüngere Vergangenheit.

Ob dieses Buch zu einem der drei Gepäckstücke gehören würde, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde? Ganz sicher nicht, denn es hilft nur bedingt, jenen Wendeherbst wiederauferstehen zu lassen.
Ob Sie das Buch einem Ihrer Lieben unter den Weihnachtsbaum legen sollten? Schwer zu sagen. Wenn Sie auf Schabowskis real(sozialistische) Satire nicht verzichten können, ja – ansonsten nehmen Sie sich vielleicht an den Feiertagen etwas Zeit und sprechen im Kreis Ihrer Familie und Freunde über Ihre ganz persönlichen Erlebnisse und tauschen so Erinnerungen aus.

Text: Jens Mende
Foto: Dieter Urban / IKS Garamond Verlag Jena

Martin Hermann (Hg.)
20 Jahre friedliche Revolution
Warschau – Leipzig – Berlin – Jena
IKS Garamond Verlag Jena 2010
ISBN 978-3-941854-30-7

 

 


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