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Realitätshunger statt Scripted Reality

„Was machen die Medien mit unserem Weltbild?“ Diese Frage treibt die Teilnehmer des 7. Thüringentages „Medien und Ethik“ um, den die Friedrich-Schiller-Universität Jena gemeinsam mit der Universität Erfurt, der Thüringer Landesmedienanstalt und dem Deutschen Journalistenverband am 15. und 16. Juni ausrichtet.

Zu den Organisatoren gehört der auf das Thema Ethik spezialisierte Jenaer Theologe Prof. Dr. Martin Leiner. Zusammen mit seinen Erfurter Kollegen Prof. Dr. Josef Römelt von der Katholisch-Theologischen Fakultät und Dr. Dr. h. c. Christoph Werth von der Staatswissenschaftlichen Fakultät hatte Leiner 2006 den ersten Thüringentag „Medien und Ethik“ initiiert, der seitdem jährlich stattfindet. Ziel sei es, Medienschaffende, Medienkonsumenten, Wissenschaftler und Menschen, über die berichtet wird, zusammenzubringen – und so einen Austausch zwischen ihnen zu ermöglichen.

Unter dem Titel „Die große Illusion“ beschäftigen sich die Teilnehmer mit der Frage „Wie wirklich ist die Wirklichkeit in den Medien?“. Einerseits werde oft erwartet, dass die Medien die Wahrheit präsentieren, andererseits existiere auch die Vorstellung, dass alles Interpretation, eine „reine“ Wahrheit gar nicht vermittelbar sei, umreißt Prof. Leiner das Hauptanliegen. Hinzu komme ein Trend, der in letzter Zeit verstärkt zu beobachten sei – und den David Shields, Writer-in-Residence an der University oft Washington in Seattle, in seinem Buch „Reality Hunger“ beschreibt. „Die Menschen haben Realitätshunger“, sagt Martin Leiner. „Sie wollen wieder wirkliche Realität in den Medien, nicht diese vorgefertigte Scripted Reality à la ,Bauer sucht Frau‘.“ Gerade Talkshows, die oft mit Schauspielern arbeiten, hätten rückläufige Einschaltquoten – und „einen richtigen Niedergang erlebt.“ Viele Menschen nämlich, glaubt Leiner, hätten mittlerweile durchschaut, dass die Akteure in den Reality-Formaten innerhalb mehr und mehr festgesetzter Handlungsvorgaben agieren, und so das Interesse an solchen Sendungen verloren.

Die zweitägige Veranstaltung richtet sich auch an Studierende. Am 15. Juni wird im Thüringer MDR-Landesfunkhaus in Erfurt eine öffentliche Fachtagung stattfinden. Am Folgetag finden an der Theologischen Fakultät und am Ethikzentrum der Uni Jena Workshops für Studentinnen und Studenten statt. Darüber, dass Jena erstmals als Veranstaltungsort in den Thüringentag „Medien und Ethik“ eingebunden ist, freut sich Prof. Leiner besonders.

Einen philosophischen Ansatz verfolgt Prof. Dr. Simone Dietz (Uni Düsseldorf) in ihrem Vortrag „Das Wahrheitsproblem in der Mediengesellschaft“. Mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß (GöfaK Medienforschung Potsdam) konnte ein Referent gewonnen werden, der die Praxis gut kennt. Er wird in Erfurt über Scripted Reality-Formate und ihren Programmkontext sprechen. Worüber Medien gern schweigen, das bildet den Gegenstand von Prof. Dr. Horst Pöttkers Vortrag „Lücken der Öffentlichkeit“. Pöttker (TU Dortmund) wird über unterdrückte Nachrichten sprechen, also über Themen, zu denen nicht selten sogar eine Pressemitteilung existiert, die sich aber dennoch nicht in den Medien wiederfinden. „Beispielsweise der Stellenabbau in den Medien selbst“, illustriert Prof. Leiner.

Pöttkers Vortrag findet seine Entsprechung am Samstag in dem Studenten-Workshop „Die vergessenen Themen“, den Ulrich Tilgner leiten wird. Auch zur Formatentwicklung für Scripted Reality wird es einen Workshop geben. Der Umgang mit Identität in sozialen Netzwerken ist Gegenstand eines Workshops von Martin Drechsler und Lidia de Reese. Die Abschlusspräsentation richtet sich an die interessierte Öffentlichkeit. Das genaue Programm ist zu finden unter www.djv-thueringen.de.

(jenanews.de)
Foto: pixelio.de
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