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Die Arbeit bleibt das Maß aller Dinge

Ein Gespenst geht um in Europa: die Angst vor dem sozialen Abstieg. Längst beschränkt sie sich nicht mehr auf gesellschaftliche Gruppen, die gemeinhin der Unterschicht zugerechnet werden. Prekäre Lebensverhältnisse, wie sie beispielhaft für Langzeitarbeitslose sind, machen inzwischen sogar hochgebildeten Universitätsabsolventen zu schaffen. Ihre Erscheinungsformen reichen von Leiharbeit über Beschäftigung im Niedriglohnbereich bis hin zu kreativer Arbeit, die weit unter allgemeingültigen Lohnstandards vergütet wird.

„Prekäre Lebensverhältnisse lassen sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen“, sagt Prof. Dr. Klaus Dörre von der Friedrich- Schiller-Universität Jena. Der Soziologe betont jedoch, dass es neu sei, wie sich prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen verstetigen. Außerdem lasse sich beobachten, dass Menschen in prekären Lebensverhältnissen zunehmend diskriminiert werden. Hinzu komme die Tatsache, dass immer mehr Gruppen betroffen sind, die bislang in gesicherten Verhältnissen lebten.

Gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Robert Castel hat Dörre das Buch „Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung“ herausgegeben. Es trägt den Untertitel „Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts“ und greift die Ergebnisse einer Jenaer Tagung im Jahr 2006 auf. Seinerzeit war untersucht worden, ob die französischen Forschungsergebnisse zu Prekarität verallgemeinerbar sind. Dabei sprechen die Soziologen von prekären Erwerbsverhältnissen, wenn die Beschäftigten aufgrund ihrer Tätigkeit deutlich unter ein Einkommens-, Schutz- und das soziale Integrationsniveau sinken, das in der Gegenwartsgesellschaft als Standard definiert und mehrheitlich anerkannt wird. Prekär ist Erwerbsarbeit zudem, sofern sie subjektiv mit Sinnverlusten, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheit verbunden ist, die deutlich unter der Schwelle gesellschaftlicher Standards liegen.

„Die Verstetigung prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse hat gravierende Folgen für die Lebensplanung der Betroffenen“, sagt Dörre. Doch nicht nur die familiäre Situation leide unter den prekären Erwerbsverhältnissen. Es lasse sich zudem der Verlust gesellschaftlicher Partizipation feststellen: Die Menschen reagieren zunehmend apathisch, sie verlieren das Interesse an politischer Mitwirkung. „Der Anteil von Menschen in prekärer Erwerbslage ist unter den Nichtwählern signifikant hoch“, weiß der Jenaer Soziologe.

In Deutschland liegt der Anteil des Niedriglohnsektors inzwischen bei 22 Prozent, nur noch drei Prozent unter den USA. Dieser Trend lasse sich auf ganz Europa übertragen, haben die Soziologen festgestellt. Die Ausnahme bilden die skandinavischen Länder. Ein weiterer Befund lässt aufhorchen: Das vielbeschworene Ende der Arbeitsgesellschaft hat sich als Chimäre erwiesen. „Die große Mehrheit der Erwerbsfähigen sieht die Vollzeitbeschäftigung als erstrebenswert an“, konstatiert Klaus Dörre. Spätestens wenn eine Familie gegründet wird, erweist sich eine feste Anstellung als Idealvorstellung.

Neu an den prekären Lebensverhältnissen ist die Tatsache, dass sie in reichen Gesellschaften für immer mehr Menschen zum Normalzustand werden und dass sie – anders als noch im 19. Jahrhundert – mit gesellschaftlichem Abstieg verbunden sind. Hingegen bargen vergangene Krisenzeiten immer die Hoffnung auf einen Aufstieg in sich. Hoffnung, so der Ausblick des vorliegenden Buches, verspricht der Befund, dass prekäre Lebensverhältnisse ein globales Phänomen sind. Lösungen werden folglich in einem größeren Rahmen notwendig sein.

Robert Castel/Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung, Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2009, 424 Seiten, Preis: 29,90 Euro, ISBN 978-3- 593-38732-1

(jenanews.de)
Foto: Peter Scheere/FSU


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