Einem Paukenschlag gleich startete am Donnerstagabend die Jenaer KulturArena mit dem Theaterspektakel in ihre neue Spielzeit. Regisseur Markus Heinzelmann gelang mit seiner Interpretation des Shakespeare-Stückes „Der Sturm“ die geniale Umsetzung eines klassischen Theaterstoffes mit modernen Mitteln.

Eine seit Tagen ausverkaufte Premiere sprach für die Erwartungshaltung des Publikums, sprach auch für die Vorfreude auf eine Fortsetzung herrlich respektlosen Theaters, für das der Regisseur des Jenaer Theaterhauses inzwischen steht. Gelang ihm doch im letzten Jahr mit seiner Inszenierung der „Orestie“ ein wahrer Geniestreich - eine wunderbar trashige und sehr mutige Adaption eines über 2.000 Jahre alten Stückes – sehr zur Freude des Publikums.

In diesem Jahr also „Der Sturm“, das vermutlich letzte Werk des großen William Shakespeare: Prospero (Bernhard Dechant), der rechtmäßige Herzog von Mailand, wurde von seinem Bruder Antonio und von Alonso, dem König von Neapel, vom Thron gestürzt. Gemeinsam mit seiner Tochter Miranda (Zoe Hutmacher) kann er der Verschwörung entfliehen und strandet auf einer von einem Wilden, Caliban (Ralph Jung), und einem Luftgeist, Ariel (Saskia Taeger), bewohnten Insel.

Dank seiner Bücher, die Prospero magische Kräfte verleihen, macht er sich Caliban und Ariel Untertan und versucht weitab der Zivilisation seine Tochter zu einem idealen Menschen zu erziehen. So lebt die kleine Gemeinschaft zwölf Jahre auf der Insel, bis Prospero mithilfe seiner Zauberkraft einen mächtigen Sturm heraufbeschwört, der seine alten Feinde, die neuen Mächtigen der Welt, in Seenot geraten lässt, um sie auf seiner Insel zu versammeln.

Mit Ariels Unterstützung inszeniert Prospero in der Folge ein großes utopisches Schauspiel: Er führt die Menschen in all ihrem Hass, ihrer Lust zu Macht, Verschwörung und Mordkomplotten vor, und jede Gruppe der Akteure versucht für sich die Insel in

Besitz zu nehmen.

Doch auch die großen Ideale finden Raum. Der neue Staat auf der Insel soll sich unterscheiden von allen vorherigen – kein Metall... keine Waffen... keine Arbeit... keine Regierung... Alle Dinge sollen allen gehören. - Am Ende schwört Prospero seiner Zauberkraft ab, versöhnt die Protagonisten und wendet alles zum Guten. Prospero: „In Vergebung liegt mehr Würde als in Rache. So soll meine edle Vernunft über meine Wut siegen!“

Von Anbeginn wird das Publikum in die Handlung einbezogen. Bühnenbildner Gregor Wickert: „Mit der Gestaltung des Bühnenbildes halten wir die Trennung zwischen Zuschauer und Bühne gering.“ Und Regisseur Markus Heinzelmann ergänzt: „Wir nehmen die Zuschauer mit auf die Insel und wollen auch musikalisch eine Einheit mit dem Publikum herstellen. So ist geplant, Zuschauer als Karaoke-Sänger aktiv an der Gestaltung des Stückes teilnehmen zu lassen. Das kann echt spannend werden, wenn denn die Leute mitmachen...“

Zuschauerin Christin kommt Prosperos und Ariels Bitte um Unterstützung zu Beginn der Aufführung nach und singt auf der Bühne vor 1.100 Zuschauern Michael Jacksons „Earth Song“. Und dann folgen zweieinhalb Stunden Theaterspektakel der anderen, der wirklich ganz anderen Art: Das Publikum erlebt Shakespeares Stück als Trash in Vollendung – eben Markus Heinzelmann at it’s best.

Ein Feuerwerk an vielen guten Ideen und lustigen Einwürfen lassen die Zeit wie im Flug vergehen. Da darf das Publikum zum Akteur werden und Karaoke singen, da tauchen plötzlich Goethe und Schiller auf und streiten miteinander, wer von beiden nun den „Sturm“ schreiben soll... Da beginnt „All You Need Is Love“ nicht mehr wie im Original mit der Marseillaise sondern mit der deutschen Nationalhymne... Persönlichkeitsgestörte Löwen, eine biertrinkende Schnecke, ein überdimensionierter weißer Hase... und mittendrin entdeckt ein Darsteller, dass er auf der Insel mit seinem Handy nicht telefonieren kann: „Kein Netz, kein Empfang, keine Homezone – und so was nennt sich Stadt der Wissenschaft!“ – Szenenapplaus. Ein kurzes Einspiel eines Liedes von „Tokio Hotel“. Später gibt es Klänge von Guns N’ Roses zu hören und der Jentower wandelt über die Bühne! Zur Erinnerung: Wir befinden uns immer noch in einer Shakespeares-Aufführung.

Den Schauspielern gelingt es, den Stoff glaubwürdig in unsere Zeit zu transportieren. Ein brillianter Bernhard Dechant als

Prospero, gewohnt souverän Saskia Taeger als Luftgeist Ariel, Caliban beeindruckend gespielt von Ralph Jung. Absolut glaubwürdig mimen Julian Hackenberg (Ferdinand) und – unwiderstehlich - Zoe Hutmacher (Miranda) Verliebtheit bis auf die Knochen (Ferdinand: „Meine Geliebte ist so toll!“), und Gunnar Titzmann (Stephano) macht mit wenigen Worten einfach nur großes Theater.

Was Shakespeare 1611 an liebevollen Worten Ferdinand Miranda zu Ehren in den Mund legt, klingt auch in den Ohren der Playstation-Generation verständlich. Zitat: „Du bist aus allem zusammengesetzt, was von jedem Geschöpf das Beste ist.“ Solch zutiefst poetische Momente kontrapunktiert Markus Heinzelmann dann wieder mit einer Szene, in der Miranda auf einem Moped vorgefahren kommt und Trash pur regiert. Wenig später meistert Saskia Taeger einen schwierigen, weil Björk-ähnlichen Gesangspart und das Publikum geht begeistert mit.

Und überhaupt: die Musik! Die Jenaer Philharmonie unter Leitung von Vicky Schmatolla intoniert orchestral Werke von Michael

Jackson, Bob Marley, AC/DC und den Beatles. Da bleibt so mancher Gänsehaut-Effekt nicht aus. Schweigt das Orchester, wird die Aufführung über weite Teile von einem DJ (Alexandra Holtsch) mit Klängen unterlegt. Sehr modern also und aufgepeppt noch mit auf Leinwände projizierte Videosequenzen von Heiko Kalmbach.

Nach zweieinhalb Stunden ist der Zauber vorbei. Prospero verneigt sich und das Publikum spendet ihm und allen an der Aufführung Beteiligten gefühlte 60 Minuten Applaus. Das Experiment ist gelungen; erleichtert nimmt Regisseur Markus Heinzelmann den Beifall der Zuschauer entgegen, um wenig später hinter der Bühne wie befreit seinen Schauspielern für deren grandiose Leistung zu danken.

Diese Inszenierung ist gewiss nichts für Freunde des klassischen Theaters. Doch Markus Heinzelmann gelingt es, mit seiner Interpretation des Stoffes Shakespeare ins Jahr 2008 zu holen und so dem Theater neue Zielgruppen zuzuführen. Bravo!

Text: Jens Mende

Fotos: Markus Kämmerer, happyarts.de

Besetzung:

Bernhard Dechant (Prospero)
Saskia Taeger (Ariel)
Zoe Hutmacher (Miranda)
Ralph Jung (Caliban)
Grazia Pergoletti (Alonso)
Julian Hackenberg (Ferdinand)
Natalie Hünig (Antonio)

 

 

 

 

Ulrich Reinhardt (Sebastian)
Waltraud Steinke-Löscher (Gonzalo)
Gunnar Titzmann (Stephano)
Holger Dexne (Trinculo)
Renate Regel (Göttin Isis)
Samwel Bersegian (Kapitän/ Göttin Juno)
Andreas Waidosch (Bootsmann)

Regie: Markus Heinzelmann
Musikalische Leitung: Vicki Schmatolla
Bühne: Gregor Wickert
Kostüme: Anne Buffetrille, Sandra Rosenstil
Video: Heiko Kalmbach
Choreografie: Antonio Cerezo
Dramaturgie: Christin Bahnert
Maske: Hannah Iberer, Sybille Nowak
Choreografie Akrobatik: Robert Gärtner

DJ: Alexandra Holtsch
Komposition: Nikolaus Woernle
Arrangement: Paul Brody
Gesang: Misa Holubova
Live-Kamera: Sebastian Gimper
Video-Schnitt: Tommy Neuwirth

Regieassistenz: Linda Best
Ausstattungsassisstenz Bühne: Gwendolyn Bahr
Statistenkoordination: Romy Czimmernings, Yvonne Heiter, Jördis Kemnitz, Sabine Rast
Ausstattungsassisstenz Kostüme: Jessica Zeitler
Regiehospitanz: Patrick Piel
Ausstattungshospitanz: Paula Perschke
Kostümhospitanz: Annemarie Hübner
Praktikantinnen Maske: Marie Scherzer, Anne Schölzel


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