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Kino-Tipp: Man On Wire

Im Nachhinein mutet es wie eine vollkommen verrückte, halsbrecherische Idee an: Zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers, in einer Höhe von 417 Metern, bei oft böigem Wind, auf einem schmalen Drahtseil zu balancieren.

Der französische Amateur-Artist und Jongleur Philippe Petit hatte diese Idee schon Jahre vor der Fertigstellung der damals höchsten Gebäude der Welt. 1968 saß er beim Zahnarzt im Wartezimmer und sah in einem Magazin eine Skizze der Türme. Eine zunächst unerfüllbare Vision machte sich in seinen Gedanken breit, wie Petit anschaulich erzählt.

Der begnadete Selbstdarsteller steht im Mittelpunkt von James Marshs Film, der Planung und Ausführung des Stunts minutiös nachzeichnet. Dabei greift er auch auf die heutzutage wohl unvermeidlichen Nachstellungen zurück, die in diesem Fall besonders unnötig wirken. Angesichts der flamboyanten Persönlichkeit Petits, der die geradezu konspirative Vorbereitung, die ständige Gefahr der Entdeckung mit expressiver Mimik und Gestik vorträgt, hätte man getrost auf betont dramatisierende Großaufnahmen von angehenden Feuerzeugen oder den Schritten des Wachpersonals verzichten können. Hier zeigt sich die größte Schwäche Marchs, der den Eindruck erweckt, seinem Material nicht zu vertrauen. Als wären die bloßen Fakten der Geschichte nicht aufregend genug, wird jeder Auftritt von Zeitzeugen mit extremen Licht und Schatten Effekten eingeleitet, praktisch jeder Moment des Films von bisweilen bombastischer orchestraler Musik unterlegt, die den Stilmitteln des offensichtlichen Vorbildes Errol Morris in Nichts nachstehen.

Besonders verwunderlich erscheint die Entscheidung für umfangreiche Nachstellungen angesichts des reichhaltigen Dokumentarmaterials, das augenscheinlich zur Verfügung stand. Auf wunderbar altmodischem 8mm-Material sind da Petit und seine Freunde zu sehen, wie sie im heimischen Garten üben, im Wohnzimmer den Plan entwerfen, voller Enthusiasmus über Wege nachdenken, die Sicherheitsvorkehrungen des World Trade Centers zu umgehen oder sich in Sydney zu einer Art Testlauf einfinden. Dort war es nur eine Brücke, zwischen deren Pfeilern Petit balancierte, aber auch hier ist die Polizei schnell vor Ort. Und auch in New York schnappen sofort nach Beendigung des Stunts die Handschnellen zu, tragen die Polizisten wohl aus Mangel an Bezeichnungen für so ein außergewöhnliches „Vergehen“ einfach nur „Man on Wire“ ins Verhaftungsprotokoll ein.

 


Doch die Publicity, die Petit mit seinem 45 minütigen Tanz über Manhattan erlangt hat, kommt ihm zu Gute, er wird unter der Auflage freigelassen, für die Kinder New Yorks eine Gratisvorführung zu geben. Es ist der passende Abschluss eines Husarenstücks, das Eingang in die Geschichte New Yorks gefunden hat.

Zum fünfjährigen Gedenken des elften Septembers (der im Film übrigens mit keinem Wort erwähnt wird) setzte das Intellektuellenmagazin „The New Yorker“ eine Zeichnung auf das Titelbild, das einen Hochseilartisten zeigte, der im Nichts über der Stelle balancierte, an der einst das World Trade Center stand.

 

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©Michael Meyns, www.programmkino.de

Foto: © Arsenal Filmverleih GmbH


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