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Kommentiert: Im Paradies ist zuviel Platz

Der FC Carl Zeiss Jena kam am Samstag in Offenbach mit 0:4 unter die Räder. Ob dieses Ergebnis im Februar noch von Bedeutung ist, sei dahingestellt. Noch immer droht dem Traditionsverein die Insolvenz.


Sportlich gesehen ist beim FC Carl Zeiss Jena alles im Lot. Es kommt immer nur darauf an, aus welchem Blickwinkel man die Leistungen der Zeiss-Kicker betrachtet. Nimmt man zum Vergleich die Vorjahressaison, in der Jena nur um Haaresbreite dem Abstieg in die Regionalliga entging, ist alles bestens und der aktuell 14. Platz mit vier Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge akzeptabel. Doch schaut man genauer hin, erkennt man Baustellen über Baustellen.

Die Mannschaft hat zwei Gesichter. Einerseits ist sie in der Lage, sehenswerten Kombinationsfußball zu spielen und gegnerische Teams im Wortsinn spielerisch zu demontieren, andererseits folgen dann wieder unerwartet kreative Offenbarungseide wie der im Spiel gegen Werders Amateure, als man als Beobachter nicht mehr wusste, ob man nun lachen oder weinen sollte angesichts des phasenweise gezeigten Unvermögens, mit der die Zeiss-Elf agierte.

Hinzu kommen Disziplinlosigkeiten einiger Spieler, die die Mannschaft insgesamt schwächen und von Sportdirektor Heiko Weber zu recht scharf kritisiert wurden. Um nur einige zu nennen: Amirante ließ sich im Derby gegen Erfurt zu einer Tätlichkeit hinreißen und wurde für vier Spiele gesperrt. Lanzaats Frustfoul am Samstag in der 78. Minute dürfte ihm – dem eigentlichen Abwehrchef in van Ecks Konzept – einen mindestens zweiwöchigen Tribünenaufenthalt bescheren. Ex-Kapitän Ziegner lief nach der Niederlage in Osnabrück verbal Amok und kickt seitdem strafversetzt in der zweiten Mannschaft. Die Frage ist, wann sich Zeiss-Coach René van Eck erbarmt und Ziegner zurück ins Team holt. Dessen Rückkehr scheint angesichts der Phantasielosigkeit dringend notwendig, mit der abwechselnd Riemer, Hähnge oder Truckenbrod  im Mittelfeld versuchen, die Bälle zu verteilen.

Die meisten Bauchschmerzen allerdings bereitet ein Etatloch von rund 700.00 Euro, das bis Februar 2010 zu stopfen ist, sonst droht die Zahlungsunfähigkeit. Was dies bedeutet, haben Fans und Spieler des 1.FC Lok Leipzig – wie Jena ebenfalls ein ehemaliger Europapokal-Finalist – 2004 am eigenen Leib erfahren. Aktuell spielt der Verein - nach der Neugründung in der 3. Kreisklasse gestartet - in der Oberliga.

Es muss also dringend Geld in die Kassen. Doch woher nehmen? Eine mögliche Antwort ist die Mitte August gestartete Aktion „Im Paradies ist noch Platz“, durch die potentiellen Sponsoren für ein Engagement beim FC Carl Zeiss Jena Appetit gemacht werden soll. Doch Auftritte wie gegen Bremen II oder am Samstag in Offenbach sowie einige Vorgänge in der Chefetage des Vereins werden manchem Sponsor den Appetit verdorben haben. Oder ist es tatsächlich nur der Wirtschafts- und Finanzkrise geschuldet, dass der stolze Traditionsverein FC Carl Zeiss Jena keinen Trikot-Werbepartner findet? Und wer hat zu verantworten, dass den vom Ex-Präsidenten Rainer Zipfel schuldenfrei übergebenen Verein derartige Finanznöte plagen?

Der FC Carl Zeiss Jena hat sich seit dem Rauswurf seines Aufstiegstrainers Heiko Weber im Frühjahr 2007 zum FC Hollywood des deutschen Fußballs entwickelt. Trainer kamen und gingen; zu Dutzenden wurden Spieler an die Saale geholt und wieder weggeschickt - die dazugehörenden Pressemeldungen des Vereins sollte man als Satire in den Buchhandlungen der Republik verkaufen. Absichtserklärungen von Präsidenten, die Lage schonungslos analysiert und die Weichen nun richtig gestellt zu haben, folgten nahezu im Monatsrhythmus. Vor 18 Monaten noch spielte Jena vor 70.000 Zuschauern im Pokalhalbfinale in Dortmund; es folgte der Abstieg aus der 2. Bundesliga und eine für die Fans nervenaufreibende Spielzeit in der 3. Liga, die dem Image des FCC nicht förderlich war. Und nicht nur nebenbei: Spricht aktuell noch jemand vom Stadionneubau des FC Carl Zeiss Jena?

Neben dem Ringen nach sportlicher Stabilität gilt es nun schnell jene 700.000 Euro Etat-Lücke zu schließen, sonst wird es dunkel im Ernst-Abbe-Sportfeld.  Russische Investoren mit Firmensitz auf den Caymans scheiden per se aus. Sollte sich kein solventes Unternehmen finden (schöne Grüße übrigens in die Carl-Zeiss-Promenade 10 sowie nach Oberkochen), werden im schlimmsten Fall die treuesten Anhänger des FCC mit der Spendendose in den Jenaer Einkaufszentren stehen und Geld für ihren geliebten Verein sammeln. Hilft aber nichts, solange nicht geklärt ist, wer die jetzige Misere zu verantworten hat.

Text: Jens Mende
Foto: pixelio.de

 

 

Kommentare  

 
+2 #3 Dirk-Michael 2009-10-07 14:54 Jens Mende hat die Lage richtig analysiert. Ich verfolge schon seit Jahrzehnten als treuer FCCZ-Fan die Geschicke der Jenenser auf dem Platz aus dem fernen Nordosten (Neustrelitz) der Republik. Keiner will es dem FC Sachsen gleich tun, denn die echten Fans der Leutscher können einem nur leid tun.
Wir brauchen in Jena eine solide Vereinsführung und Jungs, die sich auf dem Platz richtig reinhängen! Ich kann leider "hier oben" nie verstehen, warum Carl Zeiss nicht Hauptsponsor ist…
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+3 #2 Mario Schuster 2009-10-07 09:36 Arroganz in der Vereinsführung? Das unterschreibe ich sofort! Zitieren
 
 
+6 #1 Udo1974 2009-10-05 20:08 Wie oft haben wir im Kreis von vielen Vereinsmitgliedern das schon diskutiert? Die beschworene Kontinuität wurde nie hergestellt. Immer lag es entweder an den Schiedsrichtern, an unfähighen Spielern oder erfolflosen Trainern. Aber wer hat die Spieler nach Jena geholt? Wer hat Trainer wie Ivanauskas oder Henning Bürger verpflichtet? Nein, natürlich trifft den Verein keine Schuld. Mal ganz ohne Ironie, die Arroganz in der Vereinsführung muste genau dahin führen, wo wir jetzt stehen, nämlich sportlich im Niemandsland und fianziell mit dem Rücken zur Wand. Vielen Dank dafür! Anderswo werden Amateuere entlassen, beim FCC dürfen sie Karierre machen… Zitieren
 

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