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Nicholas Milton, Dirigent der Jenaer Philharmonie

Seine Gastspiele haben den Dirigenten der Jenaer Philharmonie in den letzten Jahren um den halben Erdball geführt. Im Interview erzählt er über seinen Werdegang, seine Vorbilder und was er am Jenaer Publikum besonders schätzt.

Wann hat es sich bei Ihnen herauskristallisiert, einen derart außergewöhnlichen Beruf zu ergreifen?
Daran kann ich mich noch ziemlich genau erinnern. Diese Gewissheit überkam mich, als ich während meiner Zeit an der Juilliard School in New York die 1. Sinfonie von Brahms dirigierte. Das war der Augenblick der Erkenntnis, der Moment, in dem ich begriff: hier auf dem Podium habe ich meine Aufgabe, meinen Platz gefunden.

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?
Das war eigentlich völlig unproblematisch. Ich bin einer von vier Brüdern und wir haben alle Musik studiert. Und das, obwohl meine Eltern überhaupt keine Musiker waren. Ungeachtet dessen hat uns unsere Mutter aber immer ihre volle Unterstützung gegeben, unseren Traum vom Musikerdasein zu verwirklichen.

Wer sind Ihre Vorbilder, musikalisch und gern auch privat? Wer hat Sie inspiriert?
Die großen Meister natürlich – Mozart und Brahms sind zum Beispiel Komponisten, deren Werke für mich nie an Größe verlieren.

Welches ist das schwierigste Stück, das Sie jemals dirigiert haben?
Man kann zwar sagen, Mozart sei etwas einfacher zu diri­gieren, generell ist jedoch kein Stück wirklich einfach. Alle Stücke halten irgendwo ihre Schwierigkeiten bereit. In der Folge muss und möchte ich auch immer mein Bestes geben.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit mit dem Jenaer Ensemble ein?
Für mich ist es eine echte Freude, in Jena zu sein und mit diesem Orchester spielen zu dürfen. Das Orchester ist wirklich ausgezeichnet. Ich arbeite ja mittlerweile mit vielen Orchestern hier in Deutschland zusammen, auch mit einigen der richtig großen, also A-Orchestern. Die Orchester in Deutschland werden nach Buchstaben eingestuft: A, B, C und so weiter. Jena ist ein B-Orchester. Das hat aber nichts mit der Qualität des Orchesters zu tun, sondern bezieht sich auf die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen. Und normalerweise geht man dann auch davon aus, dass perfekt besetzte A-Orchester am besten spielen, aber Jena spielt trotz B-Status genauso gut wie viele von den ganz großen. Es ist einfach ein tolles Orchester und eine ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Wie lange muss geprobt werden, bis das Ensemble ein neues Stück perfekt einstudiert hat?
Es hängt jeweils von dem Stück ab, welches wir spielen. Manchmal müssen wir schon viel arbeiten – so sechs, sieben Proben im Schnitt. Einige schwere Stücke verlangen natürlich noch wesentlich mehr Zeit zum Einstudieren. Darüber hinaus kommt es auch noch darauf an, ob es ein Gastspiel ist. Wie gesagt, es hängt ganz vom Programm ab.

Es wird oft klassische mit moderner Musik vermischt: Metallica haben das zum Beispiel ausprobiert oder auch Herbert Grönemeyer, der mit einem ganzen Orchester auf Tour geht. Würden Sie das auch gern einmal ausprobieren oder stehen Sie dem skeptisch gegenüber?
Der traditionellen Musik bin ich mehr zugetan als diesen Mischungen. Meiner Meinung nach fehlt diesen Mischformen dann die Tiefe, die wahre Kunst. Sicher ist es interessant, so etwas auszuprobieren – und ich muss ja selbst auch immer flexibel sein, um ein Publikum zu gewinnen – aber meine Aufgabe sehe ich doch darin, mich auf die Musik der großen Meister zu konzentrieren.

Einen großen Teil Ihrer Arbeit widmen Sie der Oper. Ihre Aufführung von „Don Giovanni“ wurde von der Presse hoch gelobt. Haben Sie für unsere Leser einen Tipp, wie man sich für die Oper begeistern kann?
Das ist schwierig. Generell hat es ja auch viel mit Erwartungen zu tun, ob einem etwas gefällt oder nicht. Ich habe zum Beispiel mal in Leipzig erlebt, wie die Oper „Der fliegende Holländer“ ausgebuht wurde und Leute aufgestanden und gegangen sind. Die Oper ist imstande, etwas im Menschen hervorzurufen, oft weiß sie zu begeistern, manchmal aber auch zu schockieren. Es ist auf jeden Fall sehr interessant, daran teilzuhaben. Man sollte es einfach einmal ausprobieren und sehen, ob es einem gefällt.

Welche ist Ihre Lieblingsoper?
Ich würde sagen, es ist „La Bohéme“ von Puccini.

Als Dirigent halten Sie ja lediglich einen kleinen Stab in der Hand. Haben Sie unter all den Instrumenten, die Sie anleiten auch ein Lieblingsinstrument?
Nachdem ich diesem Instrument bereits mein halbes Leben gewidmet habe, kann die Antwort hier wohl nur lauten: die Geige.

Eine letzte Frage. Sie stehen mit Ihrem musikalischen Programm in der Tradition der großen Meister. Sprechen Sie damit ausschließlich die älteren Generationen an oder finden sich auch junge Leute in Ihrem Publikum?
In Jena freut es mich besonders, viele junge Menschen bei den Konzerten zu sehen. Wir spielen fast immer vor ausverkauftem Haus und gerade junge Leute sind es, die sich ein Dauer-Abonnement für unsere Konzerte holen.

Das Gespräch führte Anja Scholl. Text und Foto © Stadtmagazin 07. Mit freundlicher Genehmigung.

Nicholas Milton:

1967 in Australien geboren

studierte Dirigieren in Helsinki und New York sowie Violine, Musiktheorie und Philosophie in Boston und East Lansing (Michigan); Promotion in Musikwissenschaften

1996 – 2002 Konzertmeister des Adelaide Symphony Orchestra

2000 – 2003 Künstlerischer Leiter der Bel Canto Opera Company South Australia

2001 – 2005 Chefdirigent und künstlerischer Direktor des Sinfonieorchesters von Dubrovnik

seit 2004 Generalmusikdirektor der Jenaer Philharmonie

seit 2007 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Canberra Symphony Orchestra, Chefdirigent des Willoughby Symphony Orchestra in Sydney

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