Donnerstag, 27 | 02 | 2020 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Mein ganz persönlicher Kernberglauf

Eine sehr persönliche Rückschau auf den Kernberglauf, schonungslos ehrlich und zugleich der letzte Beitrag im Rahmen der Serie „Wie ich den Kernberglauf gewann“. Von Hartfried Ackermann.


Samstagmorgen, kurz vor elf Uhr. Regen. Es ist kalt. Wenige Minuten vor dem Start des Kernberglaufs stelle ich mir eine Frage wieder und wieder: Warum tu’ ich mir das an? Von meiner ersten Teilnahme am Kernberglauf im vergangenen Jahr weiß ich noch zu gut, was mich in den nächsten reichlich eineinhalb Stunden erwartet: Die ersten sechs Kilometer wird es ohne Unterbrechung fast nur bergauf gehen. Am Fürstenbrunnen potenziert sich die Quälerei Richtung Steinkreuz. Dort angekommen, gibt es Erfrischungen, doch die Schinderei geht weiter. Sieben Kilometer auf und ab durch den Wald, irgendwann raus aus dem Gehölz und in Wöllnitz über die Brücke. Ab hier tut’s doppelt weh, weil ich eigentlich keine Reserven mehr habe und uneigentlich auch nicht. Zudem macht es keinen Spaß, scheinbar endlos neben der Schnellstraße herzulaufen und das Gefühl zu haben, keinen Meter vorwärts zu kommen. - Der letzte Kilometer ist der schwerste. Die Beine wollen längst nicht mehr, das Gehirn hat das Kommando an den Willen abgegeben. Dann das Ziel. Endlich, die Erlösung... denkste! Tage später noch habe ich Muskelkater und will die Laufschuhe nicht sehen.

Warum also tue ich mir das an? Weil es wichtig ist und Spaß macht, ab und an jeden Muskel zu spüren? Weil ich als beruflicher Schreibtischtäter danach giere, die Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit auszuloten? - Keine Ahnung. In erster Linie ist es wohl die Herausforderung, das Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen... Es ist auch diese geniale Landschaft, derentwegen andere hunderte Kilometer fahren, um in solch einer Umgebung Urlaub zu machen. Und wir wohnen hier!



Dann der Startschuss und die Quälerei beginnt. Irgendwie bin ich total aufgedreht und gehe den Aufstieg zum Fürstenbrunnen viel zu schnell an. Ich Großklappe! Warum musste ich meiner aktuellen Kolumne auch den Titel „Wie ich den Kernberglauf gewann“ geben? Gut, das war von vornherein als spaßiger Aufhänger gedacht, aber dass ich nach wenigen Kilometern bereits dermaßen durchhänge, ernüchtert mich dann schon.

Im Gegensatz zum Vorjahr versuche ich es diesmal mit Musik. Depeche Modes Live-Album „Touring The Angel“ plus einige ältere Stücke. Es hilft ein wenig, aber die Füße voreinander setzen muss ich trotzdem noch allein. Keine Ahnung wie, aber irgendwann komme ich am Steinkreuz an. Es gibt warmen Tee und aufmunternde Worte der Helfer am Verpflegungspunkt.

Dann wieder rein in den Wald. Wald. Wald. Wald... Irgendwann schalte ich den Kopf aus. Tunnelblick. Laubbedeckter Boden. Vor mir Läufer, hinter mir Läufer. Ich lasse mich treiben. The Flow. Geile Erfahrung und trotz der Quälerei habe ich jetzt ein Lächeln im Gesicht. Ich höre mich atmen, spüre meinen Herzschlag und beginne mich auf das Ziel zu freuen, auf die Menschen, die dort trotz Regen und Kälte auf mich warten und in Gedanken bei mir sind. Die mich unterstützen und für mich da sind. Familie und Freunde eben.

Zweiter Verpflegungspunkt. ICH KANN NICHT MEHR!!! Aber ich hab’s ja so gewollt. Also einen Schluck Tee und dann weiter, egal wie. Jeder zurückgelegte Meter ist jetzt ein Meter dem Ziel näher. Ton Steine Scherben sangen mal „Wenn die Nacht am dunkelsten, ist der Tag am nächsten...“ Ja, so ungefähr.

Wöllnitz. Vorsichtig über die Brücke runter zur Schnellstraße. Links, rechts, links, rechts... Puls bei gefühlten 300. Nimmt denn dieser blöde Lauf überhaupt kein Ende?! Reine Schikane, uns jetzt noch über den völlig aufgeweichten, morastigen Boden entlang des Schleichersees zu führen! Depeche Mode singen dazu „you’ve got to work hard, you’ve got to work hard!“ Etwas später vorbei am Ernst-Abbe-Sportfeld. Will in einer halben Stunde geduscht und umgezogen dort sein; Jena spielt gegen Ingolstadt.

Dann endlich das USV-Gelände. Die letzten Meter über schlammigen Boden und plötzlich befinde ich mich auf der Tartanbahn. Geht irgendwie auch nicht leichter, denke ich überrascht und enttäuscht zu gleich und schätze die Entfernung bis ins Ziel. 300 Meter... 200... 100... Wenige Sekunden nach Überquerung der Ziellinie schließt mich meine Freundin lächelnd und mit einem „ich liebe Dich“ in die Arme. Plötzlich tut mir nichts mehr weh. Ich bin angekommen. Endlich angekommen.

 

Alle Beiträge aus der Reihe "Wie ich den Kernberglauf gewann" finden Sie hier.

Foto: Privat


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