Samstag, 24 | 06 | 2017 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Eine Kolumne für... den Heiratsantrag

Es gibt viele Gelegenheiten, sich fremd zu schämen: Urinieren zum Beispiel in einer Vollmondnacht vor dem Dönerstand am Eichplatz und die synchrone Veröffentlichung des Vorgangs auf Facebook. Oder Andreas Mehlichs kläglicher OB-Wahlkampf. Aber ganz schlimm ist es, wenn viele Menschen Zeugen eines Heiratsantrages werden müssen.

Es sollte ein Samstagnachmittag werden wie jeder andere auch. Ich ging mit meinem Freund Matze* zum Heimspiel des FCC ins Ernst-Abbe-Sportfeld. Bratwurst, Bier, Fußball. In der Halbzeitpause wie immer pinkeln und auf dem Rückweg Bier holen... wollten wir gerade, als plötzlich auf Höhe des Spielertunnels neben dem Stadionsprecher Matzes Freundin auftauchte. Wir trauten unseren Augen nicht.
Sie stammelte konfuse Dinge ins Mikrofon und ungefähr 6.000 Leute sahen und hörten zu. Es. War. So. Peinlich! Und gerade, als ich meinem Freund von Herzen wünschte, dass wir beide zeitgleich den selben grausamen Traum träumten und ganz bestimmt jede Sekunde wieder aufwachen werden und uns in einem Paralleluniversum wiederfinden, in dem der FCC in der Champions League spielt und niemand auf die Idee käme, Männer aufzufordern, im sitzen zu urinieren – just in dem Augenblick stotterte sie ein „Matze, willst Du mich heiraten?“ ins Mikrofon. Vor 6.000 Leuten! Und Matze, die arme Sau, musste hinunter zur Tartanbahn, wo ihn seine Freundin freudig empfing und dann – hatte er denn überhaupt eine andere Wahl? - musste er ein lautes Ja ins Mikro husten. Vor 6.000 Leuten! Und fast alle schämten sich. Die Mehrheit für Matzes Freundin, die anderen für sich selbst, weil sie Matze und oder seine Freundin kannten.

In diesem Moment wünschte ich Matze alle Kraft der Welt. Einfach mal den Rücken strecken, tief Luft holen und dann mal das sagen, was sich sonst keiner traut in Situationen wie diesen. Vielleicht einfach mal kundtun, wie scheiße und oberpeinlich so ein Auftritt ist, so vor 6.000 Leuten zur Ehe gezwungen zu werden! Die Ansprache dürfte gern mit einem finalen Nein abgerundet werden und dann lasst uns endlich die zweite Halbzeit gucken! Und überhaupt, wo Du schon mal da bist: Hast Du Bier mitgebracht?

Eine andere Situation, aber auch nicht besser: Ein Kollege* freute sich seit Wochen auf den gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin in Norwegen. Dumm nur, dass sie ihm just auf der Fähre die Frage aller Fragen stellte. Und er? Sollte er nein sagen und dann drei Wochen als Selbstversorger in Norwegen verbringen, weil sie, nicht rechnend mit dieser Ablehnung, umgehend die nächste Fähre zurück gen Heimat nahm? Und er? Drei Wochen Urlaub ohne Sex? (Aber jeden Tag angeln dürfen bis zur totalen Erschöpfung, drei Wochen unrasiert, ungewaschen, ungekämmt und jeden Tag das gleiche T-Shirt an.)
Er sagte Ja (und wird als 83jähriger seinem Pfleger im Altersheim gestehen: „Na, so dolle war der Sex in Norwegen nu auch wieder nicht...“).

Ich finde, es müsste ein Gesetz geben gegen diese öffentlichen Heiratsanträge, weil im Grunde hat man da ja keine Wahl. Will man sich und der Freundin die Blamage ersparen, ist man zu einem Ja regelrecht gezwungen. Würde man Nein sagen, wär's ja immerhin ehrlich und Ehrlichkeit ist etwas sehr erstrebenswertes, nicht wahr?
Da müsste die Politik endlich mal aktiv werden und uns alle vor solchen Sachen schützen. Ich meine, klappt doch bei den Haustürgeschäften schon ganz gut. Oder der Patientenverfügung. Erlasst doch mal ein Gesetz, wonach es nur noch zulässig ist, den anderen schön diskret mittels eines Zettels zur Ehe aufzufordern: „Willst Du mein(e) Mann/Frau werden?“ Und dann einfach nur noch das Kreuz an der jeweiligen Stelle: Ja. Nein. Mir doch egal.

Quasi so wie früher, als der Bart begann zu wachsen und Mädels plötzlich nicht mehr nur doof waren, sondern relativ gut rochen und so weiter. Da schrieb man dann so ein Zettelchen („Willst Du mit mir gehen?“) und steckte es ihr möglichst unauffällig während der großen Pause zu.
Wenn sie cool war, also so richtig cool war, quittierte sie die Frage mit einem scheuen Lächeln und am Wochenende ging man gemeinsam ins Kino, knutschen.
Wenn sie eher derb uncool war, kicherte sie den Rest des Tages mit ihren Freundinnen, zeigte immer mal mit dem Finger auf Dich und kurz vor dem Schulschluss überbrachte ihre beste Freundin den Ablehnungsbescheid.

Apropos derb uncool: Gerlinde Grabowski*, Du ehemals rattenscharfes Teil, nie hast Du mich erhört und ich habe Dir weiß Gott oft genug dieses bekloppte Zettelchen zugesteckt und nie, aber auch wirklich nie hast Du in Erwägung gezogen, es mit mir zu versuchen. Und trotzdem ist etwas geworden aus mir, was man ja von Dir so nicht behaupten kann, Du Aushilfs-Spülkraft in einem fränkischen Landgasthof!

Text: Hartfried Ackermann
Foto: © Dieter Schütz, pixelio.de

*Name von der Redaktion geändert
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