Freitag, 06 | 12 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Eine Kolumne für... die Kunst

Der Redaktion gehen die Themen aus. Sommerloch. Schreib mal eine Kolumne, sagte meine Redaktionsleiterin am Telefon zu mir. Klar, ist in fünf Minuten online, antwortete ich und begann zu schreiben...


Im Grunde ist es keine Kunst, etwas zu schreiben. Man nimmt sich ein Thema und prügelt ekstatisch auf die Tastatur ein. Manchmal entsteht beim Schreiben dann aber auch tatsächlich Kunst. Siehe Hemingway oder Goethe. Nur eben ohne Tastatur.

Was also ist Kunst? Ist es Kunst, eine alte Abstellkammer mit weißer Farbe zu bepinseln und anschließend mit Fördermitteln von jenarbeit eine Galerie zu eröffnen? Ich wusste es nicht und begab mich zu einer Vernissage eben jener beschriebenen Jenaer Galerie. Dort wurde ich von einer korpulenten Enddreißigerin, einer Mischung aus Büffelhüfte und Presswurst im schwarzen Anzug, begrüßt. In der neben der Galerie befindlichen Wohnküche mixte eine junge Frau, die mir als Artconsulterin vorgestellt wurde, Cocktails. Die schmeckten zwar nicht, aber dafür waren sie wenigstens teuer.

Dann schaute ich mir die ausgestellten Kunstwerke an. Manchmal fragte ich mich, ist das Kunst oder kann das weg? Tote Fische an der Wand. (Versteh ich nicht.) Video, in dem eine Frau mit Eiern beworfen wird. (Versteh ich nicht.) Bauschaum mit Schläuchen durchsetzt. (Versteh ich nicht.) Irgendwie trug alles den Titel „Installation“ und darunter eine Ergänzung: Kunst zum süßen Quark. Oder: Machen wir, Teil 93. Oder: Lohnzahlung bei Jenoptik. Aha.

Und wieder stellte ich mir die Frage, warum der eine sich Künstler nennen darf und ein anderer wird entmündigt in die geschlossene Psychatrie eingewiesen. Wäre der Entmündigte cleverer, würde er sein Schaffen als Installation und zeitgenössische Kunst (noch besser: Contemporary Art) ausstellen und mit Fördermitteln aus dem Landeshaushalt fröhlich seine Tage bestreiten. Und die Nächte auch.

Früher galt ein auf Leinwand in Öl gemaltes Mädchen mit einem Perlenohrring als Kunst. Heute wäre es eine Installation und die gute ist am ganzen Körper gepierct und hält einen Tacker in der Hand. Titel: Offenbarung & Niedergang, Teil 4 oder Stahl & Körper, Teil 12.
Wenigstens habe ich in jener Galerie meine Freundin kennengelernt. Wir waren die einzigen, die zugaben, all die Kunstwerke nicht zu verstehen. Das eint.

Nun habe ich das Gesehene ein wenig verdaut und arbeite inzwischen selbst an meiner Karriere als zeitgenössischer Künstler. Meine erste eigene Installation ist soeben fertig geworden. Ich habe auf einem Quadratmeter Styropor 1.000 Büroklammern verstreut. Titel: Turm2. Made in Jena.

Bei all der künstlerischen Arbeit habe ich leider ein wenig zugenommen. Nun habe ich Angst, falls ich noch langsamer durch das Wohngebiet laufe, von der Werbeindustrie Plakate auf den Bauch geklebt zu bekommen. Nennt man das dann Installation oder doch nur Litfaßsäule?

 

 

 

 

 

 

 



Die blaue Phase / Freiheit für Tibet
(Installation, Hartfried Ackermann,
Jena 2010)


Die rote Phase / Schlussverkauf bei H&M
(Installation, Hartfried Ackermann,
Jena 2010)


Die grüne Phase
(Installation der städtischen Verkehrsbetriebe
Jena 2010)


Mehr von Hartfried Ackermann gibt's hier.

Text: Hartfried Ackermann
Fotos: Museum of Contemporary Art Chicago, Außenstelle Zwätzen
wikipedia.org - mit freundlicher Genehmigung

 


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