Samstag, 04 | 02 | 2012 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Eine Kolumne für... die Kunst

Der Redaktion gehen die Themen aus. Sommerloch. Schreib mal eine Kolumne, sagte meine Redaktionsleiterin am Telefon zu mir. Klar, ist in fünf Minuten online, antwortete ich und begann zu schreiben...


Im Grunde ist es keine Kunst, etwas zu schreiben. Man nimmt sich ein Thema und prügelt ekstatisch auf die Tastatur ein. Manchmal entsteht beim Schreiben dann aber auch tatsächlich Kunst. Siehe Hemingway oder Goethe. Nur eben ohne Tastatur.

Was also ist Kunst? Ist es Kunst, eine alte Abstellkammer mit weißer Farbe zu bepinseln und anschließend mit Fördermitteln von jenarbeit eine Galerie zu eröffnen? Ich wusste es nicht und begab mich zu einer Vernissage eben jener beschriebenen Jenaer Galerie. Dort wurde ich von einer korpulenten Enddreißigerin, einer Mischung aus Büffelhüfte und Presswurst  im schwarzen Anzug, begrüßt. In der neben der Galerie befindlichen Wohnküche mixte eine junge Frau, die mir als Artconsulterin vorgestellt wurde, Cocktails. Die schmeckten zwar nicht, aber dafür waren sie wenigstens teuer.

Dann schaute ich mir die ausgestellten Kunstwerke an. Manchmal fragte ich mich, ist das Kunst oder kann das weg? Tote Fische an der Wand. (Versteh ich nicht.) Video, in dem eine Frau mit Eiern beworfen wird. (Versteh ich nicht.) Bauschaum mit Schläuchen durchsetzt. (Versteh ich nicht.) Irgendwie trug alles den Titel „Installation“ und darunter eine Ergänzung: Kunst zum süßen Quark. Oder: Machen wir, Teil 93. Oder: Lohnzahlung bei Jenoptik. Aha.

Und wieder stellte ich mir die Frage, warum der eine sich Künstler nennen darf und ein anderer wird entmündigt in die geschlossene Psychatrie eingewiesen. Wäre der Entmündigte cleverer, würde er sein Schaffen als Installation und zeitgenössische Kunst (noch besser: Contemporary Art) ausstellen und mit Fördermitteln aus dem Landeshaushalt fröhlich seine Tage bestreiten. Und die Nächte auch.

Früher galt ein auf Leinwand in Öl gemaltes Mädchen mit einem Perlenohrring als Kunst. Heute wäre es eine Installation und die gute ist am ganzen Körper gepierct und hält einen Tacker in der Hand. Titel: Offenbarung & Niedergang, Teil 4 oder Stahl & Körper, Teil 12.
Wenigstens habe ich in jener Galerie meine Freundin kennengelernt. Wir waren die einzigen, die zugaben, all die Kunstwerke nicht zu verstehen. Das eint.

Nun habe ich das Gesehene ein wenig verdaut und arbeite inzwischen selbst an meiner Karriere als zeitgenössischer Künstler. Meine erste eigene Installation ist soeben fertig geworden. Ich habe auf einem Quadratmeter Styropor 1.000 Büroklammern verstreut. Titel: Turm2. Made in Jena.

Bei all der künstlerischen Arbeit habe ich leider ein wenig zugenommen. Nun habe ich Angst, falls  ich noch langsamer durch das Wohngebiet laufe, von der Werbeindustrie Plakate auf den Bauch geklebt zu bekommen. Nennt man das dann Installation oder doch nur Litfaßsäule?

 

 

 

 

 

 

 

 

Die blaue Phase / Freiheit für Tibet
(Installation, Hartfried Ackermann,
Jena 2010)


Die rote Phase / Schlussverkauf bei H&M
(Installation, Hartfried Ackermann,
Jena 2010)


Die grüne Phase
(Installation der städtischen Verkehrsbetriebe
Jena 2010)


Mehr von Hartfried Ackermann gibt's hier.

Text: Hartfried Ackermann
Fotos: Museum of Contemporary Art Chicago, Außenstelle Zwätzen
wikipedia.org - mit freundlicher Genehmigung

 


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Kommentare  

 
+8 #9 Hubi 2011-02-09 11:09 Das ist einfach nur Klasse geschrieben! Schildert treffend die Zustände in der sogenannten Kunstszene und wie ich hörte, fühlte sich da jemand tatsächlich auf den Schlips getreten. Getroffene Hunde bellen… Zitieren
 
 
+12 #8 i.V. Picasso 2010-08-11 12:28 Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten. ~~~ Pablo Picasso Zitieren
 
 
+40 #7 André 2010-07-29 21:41 zitiere noname:
siehe:
http://www.jenanews.de/content_news.php?id=1192

oder

http://www.jenanews.de/content_news.php?id=1450


einfach herrlich
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+54 #6 noname 2010-07-28 21:02 das klang aber schon mal ganz anders…

siehe:
http://www.jenanews.de/content_news.php?id=1192

oder

http://www.jenanews.de/content_news.php?id=1450
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+4 #5 André 2010-07-28 17:17 Wer definiert Kunst? Die Gesellschaft, welche sich durch eine geschaffene Vorgabe leiten lässt, oder der Kolumnist, welcher durch ein Sommerloch sich zu diesem Text inspiriert fühlte . Danke für den Denkansatz Herr Ackermann. Ich hoffe das sich einige "Künstler" angesprochen fühlen und Ihre Kunst neu definieren. Zitieren
 
 
+59 #4 Galerist 2010-07-28 15:24 Ich bin selbst Galerist und fragte mich während des Lesens, ob ich weinen oder lachen soll. Sicher überspitzt der Autor die Zustände in mancher Galerie, aber im Großen frage auch ich mich mitunter, ob Kunst nur noch für Künstler produziert wird. Bei den mir in der letzten Zeit angebotenen Werken ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn sehr schmal und Kunstverständnis sollte nicht vom Intellekt abhängen.
PS: Darf man Ihre "Werke", Herr Ackermann, ausstellen?
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+73 #3 der checker 2010-07-28 15:07 ackermann ist wieder krass drauf
hammergeil
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+81 #2 die kleine 2010-07-28 14:59 njet, kunst IST, wenn man mit 3,8 im TURM das wort CONTEMPORARY ART auch nur annähernd aussprechen kann!
so, ich installiere mich jetzt mit einem kaffee auf meiner couch! name: die kunst des süßen nichtstuns! preis: 0,815
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+96 #1 Markus87 2010-07-28 14:53 Hab mich auch schon oft bei manchem "Kunstwerk" gefragt, was daran noch Kunst sein soll. Und dann gibts da noch Fördergelder. Finds gut, dass da mal jemand was drüber schreibt. Zitieren
 

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