Dienstag, 17 | 09 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Nüscht als Ärscher midder Dehlegomm!

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – Unglaublich, was uns der technische Fortschritt so alles bringt: Fotoapparate, mit denen man unter Umständen sogar telefonieren kann (wenn man denn ein Netz hat und der Akku will); Autos, die einem sagen, wann man mit ihnen zur Inspektion in die Werkstatt muss (ob man will oder nicht), und jetzt sogar, Achtung: Unglaublich! Fernsehprogramme, die man einfach stoppen und später weitersehen kann. Das nennt sich Entertain und wird von der Deutschen Telekom angeboten. Warum nur kann ich die Finger von solcher Art Spielereien nicht lassen?


Es begann harmlos. Im Werbefernsehen sah ich Herrn Beckenbauer entspannt vor seinem TV-Gerät sitzen. Das Telefon klingelte. Der Franz nahm ab und stoppte mit der Fernbedienung das laufende Programm. „Ah Seppi, Du bist’s!“ – Prima, das wollte ich auch haben! Falls mal wieder Bofrost anruft oder irgendjemand sonst mir zur besten Fernsehzeit ein unglaublich tolles Produkt am Telefon verkaufen will. „Ah Bofrost, Sie sind’s!“ – Fernsehen stoppen und dem Verkaufsgespräch entspannt folgen. Bevor der technische Fortschritt in meinem Wohnzimmer Einzug hielt, würgte ich solche Anrufe mal freundlich, mal böswillig knurrend ab. Brauch ich ja jetzt nicht mehr. Dachte ich so. Kann ja jetzt einfach zur Fernbedienung greifen und die Sendung anhalten. Dachte ich...

Seit letztem Freitag nun sehe ich mittels neuester Technik fern und gucke buchstäblich in die Röhre. Keine Ahnung weshalb, aber der von der Telekom bereitgestellte Receiver schaltet sich regelmäßig von selbst ab. Anfangs fand ich das spannend, weil jedes Mal auf dem Bildschirm zu lesen war: „Bitte warten Sie, während der Media Receiver startet. Dies kann einige Minuten dauern.“ Die Minuten zogen sich dann aber endlos hin und proportional dazu schwoll meine Halsschlagader an. Ich malte mir voller Entsetzen aus, was wohl mit meinem Blutdruck geschähe, würde mir dieser Receiver-Totalausfall während des Fußball-WM-Endspiels widerfahren.

Stunden später - ich sehe mir einen Krimi an und just, als der Täterkreis enger und enger wird – Receiver-Ausfall. „Bitte warten Sie bla bla bla... kann einige Minuten bla bla bla.“ Irgendwann nach 20 Minuten ist das Bild wieder da. Im Abspann erfahre ich noch, wer die Musik zum Krimi komponiert hat, habe aber keine Ahnung, wer der Mörder war. Im Spätprogramm dann der Alptraum schlechthin: Ich auf der Couch, im Fernsehen läuft Full Metal Jacket – Stanley Kubricks Meisterwerk – und ich voller Vorfreude auf meine Lieblingsszene, wenn nämlich Privat Paula in der Nasszelle suizidal Abschied nimmt. Doch dann... ereilte mich der absolute Receiver-Super-GAU. Zunächst stoppte das Bild. Blieb einfach stehen. Komisch. Und dann war der Bildschirm grau. Richtig. Fett. Grau. Nur grau. Dann der bekannte Hinweis: „Bitte warten Sie...“ Von maßlosem Entsetzen bis zur absoluten Raserei benötigte ich 0,4 Sekunden. Ich war bereit, den dritten Weltkrieg auszurufen!

Mein Gott! Früher haben die Menschen aus wesentlich geringeren Gründen ihre Fernseher aus dem Fenster geworfen. Falsche Lottozahlen gezogen? Raus mit der blöden Glotze! Elfmeter verballert??? Weg mit der Kiste! Läuft ja eh’ nur Mist! Tja, inzwischen schreiben wir aber das Jahr 2008 und irgendwie ist das heute total uncool, seinen Plasma-Fernseher mal eben über den Balkon zu kippen. Was, wenn das Ding jemanden böse trifft? Am Kopf zum Beispiel.

Man glaubt ja gar nicht, wie schnell man heutzutage wegen solcher Nichtigkeiten von den Leuten verklagt wird.

Früher war das anders. Da waren die Menschen noch wesentlich lockerer drauf. Gut, sie hatten seltsame Klamotten an, so in den 70ern beispielsweise, oder trugen zum davonlaufen schreckliche Frisuren, aber sonst waren die voll entspannt. Man machte seinem Ärger Luft und setzte den Fernseher mal eben dem freien Fall aus.

Heute aber? Ruft man die Service-Hotline an. Hab ich auch gemacht. War aber irgendwie putzig. Eine freundliche Frauenstimme vom Band sagte mir bei jedem meiner 390 Anrufe, dass sie sich freue, mir helfen zu können und gleich wolle sie mich mit einem Service-Mitarbeiter verbinden. Jedoch kam die Verbindung nie zustande. Entweder waren die vielen Mitarbeiter der immensen Störungen wegen damit beschäftigt, die verärgerten Entertain-Kunden mit Gutschriften am Telefon zu besänftigen oder aber gibt es gar keine Service-Leute bei der Telekom und wenn doch, spielen die gerade alle Tischfußball?

Apropos Fußball: Als ich ein kleiner Junge war, saß ich mit meinem Papa vor dem Fernseher. Das Gerät entsprach dem damaligen Stand der Technik: Bildwiedergabe in schwarz-weiß, drei Programme empfangbar, Antenne vor dem Fenster. Aus mir heute nicht mehr erinnerbaren Gründen kam kein Empfang zustande und mein Papa schimpfte wie ein Rohrspatz, was meine Mama – gebürtige Leipzigerin – mit dem Ausspruch quittierte: „Immer Ärscher middm Fernsähr!“

Und das nenne ich – mit Blick auf meine Receiver bedingte Misere - technischen Fortschritt in Vollendung: Die Ursache der Verärgerung ist zwar die gleiche, jedoch auf wesentlich höherem Niveau! Vielleicht aber habe ich – im Gegensatz zu Herrn Beckenbauer – bereits die Version Entertain 2.0, denn ich muss zum stoppen des laufenden Fernsehprogramms nicht mal mehr zur Fernbedienung greifen. Mein Entertain stoppt ja von selbst. Und viel öfter, als mir lieb ist. Egal ob ich will oder nicht.

Inzwischen gibt es noch einen anderen Werbespot, der die Vorzüge des Telekom-Produktes anpreist: Ein Pärchen beim gemeinsamen Fernsehen auf der Couch. Sie beginnt ihn zu verführen, er stoppt das laufende Fernsehprogramm und dann – blenden die Werbefilmer einfach ab. Während sich die Darsteller des Spots vermutlich gerade lieben wie die Wanderratten, erklärt eine freundliche Stimme, warum Entertain so unverzichtbar ist: man verpasst nichts mehr. Egal was läuft, (Big Brother Staffel 900, Bewohnerin Theresa-Nadine beginnt sich zu entkleiden – just da fällt meine Freundin über mich her) – es ist ein unschätzbar gutes Gefühl zu wissen, nie wieder etwas zu verpassen.

Wenn es denn funktionieren würde. Aber ich komme ja nicht mal in die Verlegenheit, eine Sendung stoppen zu müssen. Nicht mangels der mich überfallenden Freundin, sondern des Receivers wegen, der mir regelmäßig Bluthochdruck beschert. Aber schimpfen allein hilft ja auch nicht, deshalb habe ich folgende Verbessungsvorschläge für die Version Entertain 3.0:

1. Die Auslieferung des Receivers an den Kunden erfolgt künftig nur noch mit einem Blutdruckmessgerät, welches die Werte mittels WLAN an das nächstgelegene Klinikum überträgt. Bei Werten ab 200 wird automatisch ein Assistenz-Arzt benachrichtigt, der dann im Auftrag des Patienten bei der Service-Hotline anruft.
2. Entertain-Nutzer erhalten einen Newsletter von der Telekom, in welchem nachzulesen ist, in welchem Krimi welcher Darsteller als Täter ermittelt wurde. Premium-Abonnenten haben zu dem Zugriff auf Schauspieler-Fotos sowie diverser Hörspielvarianten, in denen die Sendungsinhalte nacherzählt werden. Sprecher: Rufus Beck.
3. Überlebende Entertain-Kunden bekommen bei der Verlegung von der Intensiv-Station unentgeltlich T-Shirts ausgehändigt. Farbe: Magenta. Aufschrift: I survived Entertain. Alternativ lautet die Aufschrift in Sachsen: Nüscht als Ärscher midder Dehlegomm!

Foto: Screenshot


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