Montag, 22 | 07 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
Banner

Luxor – Stadt der Tempel

jenanews.de veröffentlicht das Reisetagebuch der Jenaer Autorin Debbie Harris, die im Januar 2009 zur Recherche für ihr neues Buch in Ägypten weilte. Heute: Teil 7: Luxor – Stadt der Tempel.

 


Der Weckruf ertönt um halb Vier. Ich packe alles zurück in den Koffer und stelle ihn zum Abholen vor die Tür. Waschen, Frühstück und dann ist auch schon der Bus da. Am Flughafen erwartet uns wieder ein Mitarbeiter des Reiseveranstalters, der das Einchecken, sowie alle anderen anfallenden Formalitäten für uns übernimmt. Die Maschine hebt pünktlich um sechs Uhr und fünfzehn Minuten vom Flughafen in Kairo ab. Ich habe wieder einen Fensterplatz und schaue zufrieden aus dem Fenster. Kairo im Bilderbuchformat, erst von hier oben bekommt man einen ungefähren Eindruck von der tatsächlichen Größe dieser Stadt. Die Sicht ist glücklicherweise klar, der Flug über die Wüste ein Erlebnis für sich. Sand, soweit das Auge reicht, Sandberge, Sandtäler, Sandhügel und zerklüftete Felsen. Goldstrahlende warme Farben, einzigartig und beeindruckend im Zusammenspiel mit dem unglaublich blauen Himmel und strahlendem Sonnenschein. Der ca. einstündige Flug verläuft ohne Zwischenfall, ich atme insgeheim auf.



In Luxor gelandet, nehme ich im Flughafen meinen inzwischen noch ramponierteren Koffer wieder in Empfang und bekomme den Namen des Nilschiffes genannt, auf dem ich die nächsten neun Tage verbringen werde. Es ist die „MS Fostat“.



Als ich endlich „Luxorianischen“ Boden betrete, stelle ich beglückt fest, dass es hier in Oberägypten wärmer als in Unterägypten, - in Kairo ist. Und kein Smog...



Luxor, - das einstige Theben, ist eine Stadt, die von vergangenem Glanz und heutigem Tourismus lebt. Während des Neuen Reichs schwang sie sich zum Zentrum eines Weltreiches auf. Der Niedergang von Theben begann mit der Eroberung Ägyptens durch die Assyrer im 7. Jh. V. Chr. und endete mit der Einverleibung in das Römische Reich. Noch heute findet man hier überall Zeugen der Vergangenheit, - die gewaltigen Tempel mit ihren spektakulären Tempelreliefs und wahren Meisterwerken der Bildhauerkunst, eingebettet zwischen fruchtbarem Land, karger Wüste und schroffen Gebirgszügen.



Durch den Nil in zwei Hälften geteilt, erstreckt sich das Stadtzentrum von Luxor auf der Ostseite. Auf der Westseite führen Straßen bis ins Gebirge, in das Reich der Pharaonen, - dem berühmten Tal der Könige. An der Wende zum 20. Jahrhundert war Luxor nicht mehr, als ein verschlafenes Dorf. Mit der spektakulären Entdeckung des Grabes von Tutanchamun durch Howard Carter und Lord Carnarvon und der davon ausgelösten Ägyptomanie in Europa und Amerika erwachte Luxor wieder zu neuem Leben. Hotels, sowie die unvermeidlichen Souvenirläden schossen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden.

Wir fahren an der Uferpromenade des Nils entlang, überall liegen die weißen Kreuzfahrtschiffe vor Anker. Die Sonne gleißt auf dem Wasser des Nils, am postkartenblauen Himmel ist kein Wölkchen zu sehen. Nach zwanzig Minuten Fahrt erreichen wir unseren Anlegeplatz.

Über abenteuerliche Steinstufen, die ziemlich hoch und daher nicht so ganz einfach zu bewältigen sind, steigen wir nach unten. Der schmale Steg, der über den Nil zum Schiff führt, schwankt recht abenteuerlich unter uns. Und ich beneide die armen Gepäckträger nicht unbedingt, die unser schweres Gepäck an Bord bringen müssen.



 

Da mehrere Schiffe hintereinander ankern, muss ich alle durchqueren, ehe ich schließlich zur Fostat vordringe. Dabei werfe ich schon mal ein paar verstohlene Blicke um mich. Der Rezeptionsbereich wirkt bei allen Schiffen schon mal ganz ordentlich. Natürlich steht am Eingang eines jeden Schiffes einer der berühmten Metalldetektoren. Es piept nervtötend ohne Unterlass, während wir sie passieren. Ich frage mich immer noch, wozu das Ganze gut sein soll, denn niemand der Besatzung nimmt Notiz davon. Ich könnte getrost ein ganzes Waffenarsenal einschmuggeln, - mach ich aber natürlich nicht.

Und dann bin ich endlich am Ort meiner Bestimmung angelangt, der Rezeption der MS Fostat. Mein erster Eindruck ist schon mal sehr positiv. Parkettboden, holzvertäfelte Wände mit grün- und Goldintarsien, rote Ornamentteppiche, lederbezogene Sitzgruppen, Spiegel, alles ist im orientalischen Stil gehalten. Ich bin jetzt schon überzeugt, dass ich mich hier wohlfühlen werde.

 

Meine, in den Farben weiß und grün gehaltene Kabine ist nicht besonders groß, doch sehr hübsch. Als ich die Vorhänge vor dem Fenster aufziehen will, habe ich direkt den Schiffsbauch neben uns vor der Nase. Da eh nicht viel Licht hereindringt, - Kommando zurück. Die Wände meines Domizils sind mit Brokatstoff bezogen, dessen grün- weiß- goldenes Ornamentmuster sich auf den Möbeln, sowie den Bettüberwürfen fortsetzt. Ein kleiner Sitzbereich, durch ein weißes Holzgeländer vom Schlafbereich abgeteilt, - ein Tisch mit grüner Steinplatte, eine Couch, gegenüber ein betagt wirkender Fernseher auf einer Kommode. Weiße Einbauschränke, dazwischen Frisiertisch, Spiegel und ein Stuhl. An den Wänden dezente Bilder mit altägyptischen Motiven. Zwei Betten. Eines davon nutze ich als Kofferablage, während ich mich für einen Augenblick auf dem Gegenüber niederlasse, welches ich zu meiner Ruhestätte auserkoren habe. Einen Moment lang fühle ich mich ziemlich einsam und denke an meine Familie, die so weit von mir entfernt, ihrem üblichen täglichen Leben nachgeht. Ob sie wohl auch an mich denken? Ob meine Kleinste mich sehr vermisst?

Ich gebe mir schließlich einen Ruck und beschließe, das Schiff noch ein wenig zu erkunden, ehe ich restlos im Selbstmitleid ersaufe.

Also steige ich die Treppen wieder hinauf in den ersten Stock und gelange in einen Salon. Billardtisch, Sitzgruppen, über dem Treppenaufgang hängt eine Art riesiger Kronleuchter. In einer Ecke befindet sich eine kleine Boutique. Eine Treppe höher ein großer Saal, der „Musiksaal“. Im Barbereich ist die Decke verspiegelt. Überall kleine Holztischchen und Sitzgruppen. Die bleiverglasten Ornamenttüren erinnern mich irgendwie an die aus dem Film Titanic. Aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es hier keine Eisberge...



Ich werfe einen kurzen Blick in den zur Zeit geschlossenen Speisesaal und bin beeindruckt. Eine gehörige Anzahl von nett eingedeckten Tischen, die Weite des Saales von grünen Säulen unterbrochen. An der Decke eine durchgehende Leuchte, deren Glas mit verschlungenen grün-blauen Ornamenten verziert ist. An der Frontseite, Tische und eine lange Theke, auf der in nicht allzu langer Zeit das Mittagsbuffet präsentiert werden dürfte. Hoffe ich zumindest, denn es meldet sich allmählich der Hunger. Vom Gang geht eine Tür nach draußen ab. Nach ein paar weiteren Treppenstufen stehe ich auf dem Sonnendeck. Überall stehen Sitzgruppen aus Rattan und unter dem überdachten Mittelteil befinden sich zahlreiche Liegen. Pflanzen in Kübeln runden das harmonische Ambiente ab. Auch ein einladend aussehender, blaugekachelter Pool ist vorhanden. Ich tauche meine Hand in das klare Wasser und stelle fest, dass es für ein ungetrübtes Badevergnügen eindeutig zu kalt ist.



Inzwischen ist es an der Zeit, mich zu den anderen Gästen in den Musiksalon zu gesellen, in dem der Reiseleiter uns Einzelheiten zum weiteren Ablauf mitteilen wird. Ich erfahre, dass der heutige Tag zum Relaxen dient und es am nächsten Tag so richtig losgehen wird. „Dies ist kein Urlaub“, macht uns der nette Mann gleich zu Beginn freundlich lächelnd klar. „Dies ist eine Kulturreise.“ Sehe ich anhand des ausgeteilten Plans in meiner Hand. Ausschlafen – Fehlanzeige. Nun, schließlich wollte ich es ja so. Wir erfahren, dass der Nil zur Zeit wenig Wasser führt und wir daher auf Anweisung des Kapitäns, einige Ziele mit dem Bus anfahren werden. Auch gut. Es wird von jedem Passagier ein Trinkgeld von 3,80 pro Tag eingesammelt, das unter das Personal verteilt wird. Dies erspart uns glücklicherweise die ständige Jagd nach Kleingeld an Bord. Nachdem ich an die hundert Euro für Trinkgelder und einen zusätzlichen, fakultativen Ausflug berappt habe, halte ich noch ein kleines Schwätzchen mit meinem Mitmenschen.

Im Anschluss begeben wir uns zum Speisesaal und werden auf die Tische aufgeteilt. Ich stelle erfreut fest, dass ich bei den Leuten sitze, die ich schon in Kairo kennen gelernt habe. Als einzig Alleinreisende zwischen all den Paaren kommt man sich leicht etwas überflüssig vor. Doch so entspinnt sich schnell eine lockere Konversation. Das Buffet ist abwechslungsreich und für meine Begriffe gigantisch. Und selbst, als ich mir von allem nur eine winzige Kostprobe auf meinen Teller gehäuft habe, ist er voller als ursprünglich beabsichtigt. Allein die Dessertabteilung, in der von Obst über Kuchen, Pudding- und Cremespeisen alles was das Herz begehrt vorhanden ist, bedeutet eine Herausforderung für mich. Eigentlich bin ich kein großer Esser, doch nun folge ich dem Beispiel meiner Tischgenossen und fröne hemmungslos der Völlerei. Aus der unangenehmen Magenverstimmung in Kairo habe ich gelernt und bestelle vorsichtshalber Tee statt Cola.

Der junge ägyptische Mann, der an unserem Tisch bedient, wirft mir ob der anscheinend ungewöhnlichen Bestellung einen leicht skeptischen Blick zu.

Nach dem Essen begeben wir uns auf Deck und ich strecke mich dankbar auf einer der Liegen aus. In der schattigen Horizontale ist es doch empfindlich kühl und ich ziehe mir die Jacke wieder über. Von meinem Platz aus habe ich einen wunderbaren Blick auf das Gebirge, das sich majestätisch am gegenüberliegenden Nilufer erhebt. Das Tal der Könige...



Als ich wieder aufwache, stelle ich mit leichter Rührung fest, dass irgendjemand so freundlich war, mir eine Decke überzulegen. An der Bar herrscht jetzt reger Betrieb. Ich schaue auf meine Uhr und stelle fest, dass inzwischen an der Zeit für die um die an Bord übliche Teestunde ist. So erhebe ich mich und nutze das Angebot. An einem Tisch in der Nähe sitzen zwei Bekannte. Michael und Lorenz fordern mich auf, mich zu ihnen zu setzen, ein Angebot, dem ich gern folge leiste. Bei Tee, Kaffee und Rührkuchen beschließen wir spontan von Bord zu gehen und noch einen Spaziergang zu wagen. An der Uferpromenade werden wir sofort von geschäftstüchtigen Händlern eingekreist, die uns lautstark Zigaretten, Lesezeichen, Postkarten und Götterfiguren andrehen wollen. Wollen wir aber nicht.

Ständig werden wir von Kutschen verfolgt, deren Besitzer einfach nicht klar zu machen ist, dass wir uns lieber auf unsere Füße verlassen. „Heidi Klum!“, ruft mir einer zu. „Du kommst? Ein Euro!“ Ich winke im vorbeigehen ab, doch der Mensch verfolgt uns mit seiner Kutsche hartnäckig weiter. Erst als wir in eine Seitengasse abbiegen gibt er auf. Wir sind vorgewarnt, - von wegen 1 Euro... Nach ungefähr hundert Metern befinden wir uns in einem kleinen Basar. Langsam bummeln wir durch die Passage und werfen ein paar verstohlene Blicke auf die angebotenen Waren. Wir bekommen keine Chance etwas in Ruhe anzusehen, die Händler bedrängen uns in einem fort. Als Ägyptenfrischlinge sind wir froh, als wir wieder auf der Uferpromenade sind und den Basar endlich hinter uns gelassen haben. Ich genieße die Palmen und den Duft der lauen Luft. Ein Stück weiter hinten erhaschen wir einen flüchtigen Blick auf eine gewaltige Tempelanlage, den Luxortempel. Dort kehren wir um und begeben uns auf den Rückweg zum Schiff.



Das Abendessen lässt wieder keine Wünsche offen. Als ich mit gefülltem Teller vom Buffet zurückkomme, steht schon eine Tasse Tee an meinem Platz. Ich lasse mir den Stuhl unter das Hinterteil schieben und werfe dem zuvorkommenden Kellner ein dankendes Lächeln zu. Und diese schwarzen Augen... Sofort geht meine zügellose Phantasie mit mir durch. Ein echter Sohn seiner altägyptischen Vorfahren. Ich kann ihn förmlich vor mir sehen, die Augen schwarz umrandet, das tiefschwarze Haar unter dem Nemes, - dem königlichen blau-gold gestreiften Kopftuch verborgen. Sein warmes, freundliches Lächeln holt mich wieder in die Realität zurück.

Nach dem Abendessen verbringe ich noch eine gemütliche Stunde im Kreis meiner Tischgenossen. Mein letzter Weg an diesem Tag führt mich hinauf auf das Deck. Bei einer Zigarette schaue ich auf das nächtliche Lichtermeer Luxors und träume...

 

 

Text und Fotos: Debbie Harris


Share on Myspace
3
Luxor – Stadt der Tempel  - In den VZ Netzwerken zeigen
3
Luxor – Stadt der Tempel  - Ihren XING-Kontakten zeigen
4
Luxor – Stadt der Tempel  - Bei Wer kennt wen teilen
4
Luxor – Stadt der Tempel  - Auf Delicious teilen
6
Luxor – Stadt der Tempel  - auf Jappy teilen
1
PDF
E-Mail


Teilen




 
Start Feuilleton Reisetagebuch Ägypten Luxor – Stadt der Tempel