jenanews.de veröffentlicht das Reisetagebuch der Jenaer Autorin Debbie Harris, die im Januar 2009 zur Recherche für ihr neues Buch in Ägypten weilte. Heute: Teil 6: Tausend und eine Nacht - Islamisches Kairo


Um punkt acht Uhr werde ich an der Rezeption abgeholt. Draußen herrscht wie immer eitel Sonnenschein, doch es ist empfindlich kühl. Ich bin froh über meine gefütterte Jacke, wenn es auch ziemlich schwer war, meinen Freunden zu Hause plausibel zu machen, warum ich das Ding überhaupt mitschleppte. Doch entgegen aller Annahmen herrscht im Januar auch hier der Winter, wenn sich die Temperaturen (in Kairo durchschnittlich zwischen 4 und 21 Grad Celsius) auch nicht mit denen in unseren Breitengraden vergleichen lassen.

Ich beobachte aus dem Busfenster das nun schon vertraute Verkehrschaos auf den Straßen. Die an jeder Ecke allgegenwärtigen Wachstützpunkte der Polizei ziehen vorbei. Ich habe noch nirgends ein derartiges Polizeiaufgebot wie in Kairo erlebt.

Die Tour führt uns zur im Jahre 1176 von Sultan Saladin erbauten Zitadelle. Auf der einzig nennenswerten Erhebung der Stadt thronend, grüßt sie uns im hellen Morgenlicht. Der Bau, unter dem Vorbild syrischer Stadtfestungen auf einem Ausläufer der Moqattam-Berge begonnen, wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder erweitert. Die dicken Mauern mussten ihre Standfestigkeit nie gegen fremde Angreifer beweisen, doch fingen sie wiederholt die Kanonenkugeln von Rivalen ab, die dem Sultan den Thron streitig machten.

 

Wir durchqueren das Haupttor, vorbei an den ehemaligen Küchenbauten der Mamlukenzeit biegt der Weg nach rechts ab und führt bis zur Moschee des en-Nasir Mohammed Ibn Qalaùn, deren Ausmaße eher bescheiden sind. Dominierendes Bauwerk der Zitadelle ist die gewaltige Mohammed Ali-Moschee, die auch als Alabastermoschee bekannt ist. Mohammed Ali erlebte die Fertigstellung seines Bauwerks nicht mehr, er verstarb 19 Jahre nach Baubeginn. 82 m ragen die Minarette empor, die mächtige Kuppel schwingt sich zu einer Höhe von 52m auf.

Vor der Moschee ziehen wir bereitwillig die Schuhe aus und betreten in Strümpfen den Innenhof. An der Westseite befindet sich der Uhrturm, ein Geschenk des französischen König Louis Phillippe zum Dank für den Obelisken von Luxor, der heute die Pariser Place de la Concorde schmückt. Wir begeben uns ins innere der Moschee und sind geblendet von all dem Prunk. Rote Teppiche bedecken den Boden. Ein riesiger Kronleuchter an der Decke, von zahllosen, kleineren Lampen umringt. Das Innere der Kuppeln ist mit wunderschönen Malereien verziert. Die Übernahme europäisch-barocker Dekorationselemente, wie Blumengirlanden und Sonnensymbole deuten auf Mohammed Alis Vorliebe für französische Prachtentfaltung hin. Wir fotografieren und huschen auf Zehenspitzen umher. Nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass wir die Betenden nicht stören wollen, doch eher deshalb, weil wir inzwischen an chronischen Eisfüßen leiden...

Und so ist keiner böse, als wir schließlich wieder ins Freie kommen und von unseren Schuhen und wärmendem Sonnenschein empfangen werden. Ich schlage mich mutig durch die Verkäuferhorden, die mir unbedingt und äußerst hartnäckig, Postkarten, Lesezeichen, Armbänder oder andere nette Souvenirs andrehen wollen. Unter lautstarken „alles ein Euro!“ Parolen, flüchte ich auf die Terrasse, von der ich einen schönen Blick auf die zu Füßen der Zitadelle liegenden Moscheen und den mittelalterlichen Stadtkern habe. Es herrscht jedoch keine nennenswerte Weitsicht. Kairos Skyline versinkt in Dunst und grauem Smog...

Mir ist schon länger ein paar seltsame Dinge aufgefallen und ich nutze die Gunst der Stunde, um unseren Reiseführer auszufragen. Auf den Dächern vieler Häuser Kairos sieht man allerlei Gerümpel herumstehen. Alte Möbel und Schrott, die reine Sperrmüllstation.

„Das ist Tradition“, erklärt mir Mustafa bereitwillig. „Die Dächer bestehen aus Palmenbalken, - als Deckschicht schichtet man Gras und Nilschlamm darauf. Die ausrangierten Möbel dienen als zusätzliche Dachbefestigung.“ Er lacht, „Irgendwo muss man sie ja unterbringen. Tja, sie haben ihre Keller und wir unsere Dächer.“ - Klingt logisch.

Und ich hinterfrage eine weitere Beobachtung, - auf den Straßen sieht man viele ägyptische Männer mit blauen Flecken auf der Stirn, ich sah sogar offene Wunden. Mustafa bestätigt meine Vermutung, dass die Männer beim Gebet heftig mit der Stirn auf den Boden schlagen. Na, die müssen aber ganz schön was auf dem Kerbholz haben...

Wir besteigen den Bus und fahren ein Stück weiter zur Sultan Hassan Moschee. Ich lasse meine Jacke zurück und folge dem Reiseführer. Die Moschee wird wahrlich zu recht als eines der Glanzstücke Mamluckischer Architektur bezeichnet. Riesig erheben sich die alten, aus dem vierzehnten Jahrhundert stammenden, Mauern um uns her in den Himmel. Arabesken, Kalligraphien und Stalaktiten schmücken das imposante Portal. Ursprünglich sollten vier 80m hohe Minarette die Grabmoschee überragen, doch nach dem Einsturz eines der Türme, bei dem Hunderte von Menschen ums Leben kamen, begnügte man sich schließlich mit zwei Minaretten.

 

Wir lassen unsere Schuhe am Eingang zurück und betreten das Innere. Das festungsartige Heiligtum ist eine Kombination aus Moschee und vier Religionsschulen. Vom Innenhof aus erreicht man die Unterrichtsräume, sowie die Unterkünfte für Lehrer und Schüler. In der Mitte des Hofes steht das Brunnenhaus, in dem die rituellen Waschungen vor jedem Gebet durchgeführt werden. An der Stirnseite befindet sich eine hölzerne Gebetskanzel und die reich mit goldenen Ornamenten und farbigen Mosaiken geschmückte Gebetsnische, die Richtung Mekka deutet - die Mihrab.

Über blaue Teppiche schreitend, begeben wir uns ins Innere der Grabmoschee. Hier fanden allerdings nur zwei der Söhne des Sultans ihre letzte Ruhestätte. Der als Despot verhasste Sultan Hassan selbst verschwand spurlos, noch bevor seine Moschee fertiggestellt wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde er ermordet, sein Leichnam nie gefunden.

Ich fotografiere und dabei werden wir zufällig Zeuge eines Gebetsgesanges, der ziemlich beeindruckend von den hohen Mauern widerhallt. Als wir wieder nach draußen kommen und in unsere Schuhe schlüpfen, fühle ich mich, als tauche ich aus einer längst vergangenen Zeit auf.

Zu unserer linken Seite befindet sich die, nur durch eine schmale Gasse von der Sultan Hassan getrennte Er-Rifái-Moschee, der letzten Ruhestätte König Fuads und des im Exil verstorbenen persischen Schah Reza Pahlevi. Sie erscheint mir beim vorbeigehen nicht weniger imposant.

Zum Mittagessen werden wir zu einem Restaurant am Nilufer gebracht. Ich habe meine Lektion gelernt und trinke brav Tee zum Beef. Als Nachspeise wird der übliche süße Vanillepudding serviert. Ich sehe aus dem Fenster nachdenklich auf den Nil hinunter. Dabei kommt mir das alte Sprichwort in den Sinn: wer einmal vom Wasser des Nils trinkt, muss immer wieder dorthin zurückkommen. Heutzutage wäre dies sicher nicht ohne gesundheitliche Risiken, wenn das Wasser auch erstaunlich sauber wirkt. Nachdem auch das letzte Mitglied unserer Gruppe Essen und obligatorischen Toilettenbesuch hinter sich gebracht hat, brechen wir wieder zu neuen Ufern auf.

Hinter breiten Boulevards und Hauptstraßen östlich des Stadtzentrums laden uns alte Viertel zur Erkundung ein. Wir spazieren zu Fuß durch enge, verwinkelte Gässchen, es ist viel zu eng für Busse oder Taxis. Hier sind die jahrhundertealten Traditionen islamischen Lebens noch lebendig spürbar. Und es ist hier erstaunlich sauber.

Vor einem Haus in der kleinen Quergasse Darb-el-Asfar bleiben wir stehen und warten, während unser Führer Eintrittskarten besorgt. Nacheinander betreten wir einen Innenhof.

Das Bait es-Sihaimi stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist eines der schönsten Wohnhäuser der osmanischen Zeit. Im gepflegten Innenhof stehen Palmen, Bänke laden am anderen Ende, vor einer kunstvollen Trennmauer aus Stein und Holz zum Verweilen ein. Zuerst besichtigen wir einen Raum, der ausschließlich männlichen Besuchern vorbehalten war. Er liegt gleich neben dem Eingang. Kein Mann durfte die Damen des Hauses unverschleiert sehen, mit Ausnahme des Hausherrn und den engsten Familienangehörigen. Daher wurden die Wohnbereiche für Männer und Frauen strikt getrennt, um den Frauen innerhalb ihres Bereiches zu gewährleisten, dass sie sich frei bewegen konnten. Das große Schlafzimmer hat kunstvoll verzierte Holzläden mit vielen kleinen Ornamenten als Öffnungen, durch die die Hausherrin einen neugierigen Blick nach draußen riskieren konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Im hinteren Innenhof konnte sich Madame ungestört ausruhen, oder die Dienerinnen bei der Arbeit dirigieren. Bei dem Erdbeben von 1992 wurde das Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen. Doch unlängst liebevoll restauriert, erstrahlt es nun wieder in alter Pracht. Heute ist es in Besitz der Altertümerverwaltung.

 

Weiter geht es zum westlich der Husain-Moschee liegenden Basar Khan-el-Khalili, jenem Areal in dem die Geschichte von tausend und einer Nacht von Handelsreisenden erzählt wurde, bevor irgendjemand auf die Idee kam sie aufzuschreiben. Der größte nahöstliche Basar besteht nun mehr seit mehr als 600 Jahren und ist heute ganz auf Touristen eingestellt. Die Stände und Werkstätten werden von den Vätern an die Söhne weitergegeben, die in alter Tradition, Waren wie, Gold- und Silberschmuck, Parfüme und Tücher, Messing-, Kupfer-, und Glaswaren und vieles mehr herstellen und verkaufen.

Wir schlendern über das alte Pflaster und werden dabei ununterbrochen von den Händlern verfolgt, die alles versuchen, um ihre Waren an den Mann, bzw. Frau zu bringen. - „Alles ein Euro!“ - „Alles umsonst, Madame!“ - Bald schwirrt mir der Kopf. Man muss schon starke Nerven und eine ganze Portion Humor im Gepäck haben, um gelassen zu bleiben und zu diesem Zeitpunkt ist das Ganze noch etwas gewöhnungsbedürftig für mich. Außerdem kann ich vor Plüschkamelen, bestickten Galabias, Tüchern, kleinen Götterstatuen, Gewürzen, Wasserpfeifen und vielem mehr, kaum noch aus den Augen gucken. Könnte man doch alles nur einen Augenblick in Ruhe betrachten, doch die Händler lassen nicht locker. „Heidi Klum!“, ruft mir ein Mann zu und wickelt mir ungebeten ein Tuch um den Hals. Ich wehre ab und befreie mich mühsam. Sie sind ja alle lieb und nett, - nur aufdringlich eben.

 

So bin ich ganz froh, als die Stunde naht, uns wieder um Mustafa zu versammeln, der gelassen vor einem Kaffee sitzend auf uns wartet. Da noch etwas Zeit ist, lassen sich meine beiden Begleiter und ich mit einem Glas Tee bei ihm nieder. Doch die Ruhe währt nicht lang... Ein junger Mann stürzt aus dem Kaffee heraus und förmlich auf mich. Er will wissen, ob ich denn schon einen Mann habe. Danke, kein Bedarf. Doch der Typ gibt nicht auf. Während er wie ein Hahn gockelt, zählt er mir seine männlichen Vorzüge auf. Zur Krönung hätte er gern zwei Töchter von mir... Schließlich bietet er acht Kamele für mich. (Ein Kamel kostet ungefähr 10 000 ägyptische Pfund) Na ein bisschen was sollte er schon noch drauflegen... Das ganze Palaver gibt meinen Begleitern Anlass zu sichtlicher Erheiterung. Nur mein anfängliches Lachen wirkt allmählich etwas gezwungen. Nach meiner hochherzigen Versicherung natürlich auf ihn zurückzukommen, falls ich jemals ernsthaft an einen Männerwechsel dächte, schwirrt mein Galan endlich ab. Inzwischen sind auch alle Souvenirjäger unserer Gruppe wieder vor Ort und wir gehen zum Bus.

Anderthalb Stunden später durchschreite ich den Metalldetektor des Meridien. Mein erster Weg führt mich zu Lothar, der mir wie versprochen einen kleinen Plastikbeutel mit Sand in die Hand drückt. Das edle Zeug stammt dazu noch direkt aus der Cheops-Pyramide, wie mir berichtet wird. Der edle Spender hat es nämlich geschafft eine Eintrittskarte zu ergattern. Ich bin begeistert, während ich der abenteuerlichen Geschichte lausche, wie er durch enge Gänge kroch und in einer, bis auf den Sarkophag leeren Grabkammer,
unauffällig besagten Sand zusammenkratzte.

Wir verbringen einen Teil des restlichen Abends am Pool und ziehen Bilanz über unseren Aufenthalt in Kairo, der nun dem Ende entgegengeht. Mein Reisebekannter wird am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe nach Deutschland zurückfliegen, während ich per Inlandsflug nach Luxor weiterreise. Wir genehmigen uns in der Hotelbar einen letzten Ouzo, dann verabschieden wir uns herzlich und wünschen uns für die Zukunft alles Gute.

 

Text und Fotos: Debbie Harris


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