Mittwoch, 23 | 01 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
Banner

Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte

jenanews.de veröffentlicht das Reisetagebuch der Jenaer Autorin Debbie Harris, die im Januar 2009 zur Recherche für ihr neues Buch in Ägypten weilte. Heute: Teil 4: Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte



Der Midan et – Tahrir einst als Zentrum eines mondänen Kairos geplant, ist inzwischen leider zum Nadelöhr Kairos verkommen. Sämtliche Buslinien der Stadt verknoten sich hier, die erste U-Bahn Afrikas lädt hier ihre Passagiere ab.

An der Nordseite des Tahrir-Platzes prunkt ein roséfarbener neoklassizistischer Bau, - das Ägyptische Museum, welches heute mehr als 120 000 Exponate altägyptischer Kunst beherbergt und damit zu den bedeutendsten der Welt gehört. Begründer war der französische Ägyptologe Auguste Mariette, dessen Grab sich vor dem Museum befindet.

Längst kann das Gebäude seine Schätze nicht mehr fassen. Aus diesem Grund ist ein umfangreicher Neubau in der Nähe der Pyramiden geplant, der sich aber seit Jahren aus mir unbekannten Gründen immer wieder verzögert.

Unsere Reisegruppe passiert den unvermeidlichen Metalldetektor, die Taschen werden durchleuchtet, ehe uns der Zugang zu den heiligen Hallen gewährt wird. Der Rundgang durch das Museum verläuft im Uhrzeigersinn, - vom alten Reich bis zur Spätzeit.

Ich lasse mich einfach hinter der Gruppe hertreiben, während ich erste neugierige Blicke um mich werfe. Überall Statuen, Stein- und Holzsarkophage, unterbrochen von Vitrinen mit Grabbeigaben. Schmuck, Figuren und Malereien, die auch gewöhnliche Menschen zeigen. Köche, Bäcker, Bierbrauer, sowie lebendig wirkende Darstellungen von Vögeln und Pflanzen in erstaunlich gut erhaltenen, leuchtenden Farben. Unser Führer zeigt uns Reste dieser alten Farben, die aus zermahlenem Stein hergestellt wurden.

In einer Vitrine zu meiner Linken reihen sich zahllose Uschebtis, kleine kunstvoll bemalte Figuren, Diener, die den Verstorbenen im Jenseits umsorgen sollten, damit er auch dort nichts entbehren musste.

 

 

 

Natürlich ist das Glanzstück der Ausstellung der Grabschatz des legendären Tutenchamun. Ich stehe schweigend und voller Ehrfurcht vor der goldenen, überaus beeindruckenden, mit Edelsteinen besetzten Totenmaske des jungen Königs, einem Meisterstück ägyptischer Goldschmiedekunst. Als die Ausgräber den innersten Sarg öffneten, fanden sie eine mit Pech und Balsamierungsharzen bedeckte Mumie. Im Kontrast zu dem düsteren Effekt stand die leuchtende Goldmaske, die ihren Kopf und die Schultern bedeckte. Der Pharao ist mit dem „nemes“, der königlichen Kopfbedeckung dargestellt. Auf der Stirn Uräusschlange und Geierkopf, aus purem Gold bestehend, mit Einlagen aus Glas, Karneol und Lapislazuli. Der Ausdruck wirkt unglaublich lebendig. Die Gesichtszüge mit den vollen Lippen, sanftmütig und jugendlich, der Blick der schimmernden schwarzen Augen in unbestimmte Ferne gerichtet. Der junge Pharao starb mit ca. 19 Jahren. Lange Zeit kursierende Mordtheorien werden heute jedoch von führenden Ägyptologen, nach eingehenden Untersuchungen der Mumie mit modernsten Diagnostikverfahren, zurückgewiesen. Auf Grund der dadurch gewonnen Erkenntnisse wird angenommen, dass Tutenchamun einem Unfall mit seinem Streitwagen zum Opfer fiel. Eine aus einer Knochenfraktur resultierende schwere Infektion soll seinem Leben ein jähes Ende gesetzt haben. Na ja, immer noch besser, als heimtückisch von hinten gemeuchelt zu werden...



Der innerste Sarkophag, in dem die Mumie ruhte, besteht ebenfalls aus purem Gold. Er wiegt ganze 110,4 kg! Ich betrachte goldene Handschuhe und Sandalen und mehr Schmuck und Edelsteine, als meine überaus bescheidene Schmuckschatulle jemals fassen würde...

Die bemalten Schreine aus teilweise vergoldetem Zedernholz, in denen all diese Herrlichkeiten aufbewahrt wurden sind allein für sich eine Augenweide. Dem jungen Pharao wurden auch die Bettstellen ins Grab mitgegeben, in denen er im Laufe seines Lebens schlief. Die Kopfteile einiger sind mit Figuren der Hausgottheiten Toéris und Bes verziert. Eins dieser Betten ist sogar zusammenklappbar und wurde wahrscheinlich auf Reisen genutzt. Die damals üblichen Kopfstützen, aus Glas, Elfenbein oder Holz, sehen edel, aber furchtbar unbequem aus. Wie konnte man denn auf so etwas liegen, geschweige denn schlafen?

Ich opfere großmütig (die geborgten) hundert Ägyptischen Pfund, um mir auch noch den Mumiensaal zu Gemüte führen zu können, für dessen Besichtigung man gesonderten Eintritt zahlen muss. Man bekommt so etwas ja schließlich nicht jeden Tag zu sehen. In dem deutlich kühlen, schmucklosen Raum ruhen acht Herrscher und drei Königinnen aus der Zeit des Neuen Reichs in ihren Vitrinen. Ich sehe in ihre vertrockneten, schwärzlichen Gesichter und versuche mir die Menschen die sie einst waren und ihre Schicksale vorzustellen. Vor Ramses dem II. bleibe ich besonders lange stehen. Ich bewundere ihn, zolle seinen großen Leistungen als Herrscher Respekt. Na gut, ich gebe es zu, - das ist natürlich nicht alles. Es gibt da selbstverständlich auch die romantische Geschichte der großen Liebe zwischen ihm und seiner Gemahlin Nefertari. Der große Ramses ruht nun am Ende unter einem schlichten weißen Laken, nur noch aus Haut und Knochen bestehend. Auf seinem Kopf sturzeln ein paar rötlich-blonde Haarbüschel. Ich betrachte ihn aufmerksam von allen Seiten, doch es ist beim besten Willen nicht mehr festzustellen, ob er als Mann besonders attraktiv oder einfach nur unterer Durchschnitt war. Meine Gefühle sind durchaus gemischt, einerseits empfinde ich es als faszinierend, andererseits fühle ich mich ein bisschen wie ein mieser Grabschänder. Ob ich wohl damit einverstanden wäre, dass meine Mumie so zur Schau gestellt würde?

Da sich diese Frage aber höchstwahrscheinlich für mich nie stellen wird und ich inzwischen halb erfroren bin, suche ich das Weite, ohne gedanklich zu einem konkreten Ergebnis gekommen zu sein.

Nach drei Stunden altägyptischer Geschichte ist meine Auffassungsgabe restlos erschöpft und ich auch. Ich bin durch zahllose Hallen gewandelt und in meinem Kopf schwirrt es. Zu viele Exponate, auf zu engem Raum zusammengedrängt, erschlagen den Besucher förmlich. Nach kurzer Zeit verliert man Übersicht und Konzentrationsfähigkeit.

Wieder nach draußen gekommen, setze ich mich zu ein paar Mitgliedern meiner Reisegruppe auf eine Bank, zünde mir eine Zigarette an und genieße die wärmenden Sonnenstrahlen. Nachdem auch die letzten Nachzügler endlich eingetrudelt sind, machen wir uns hübsch gesammelt auf den Weg zum Bus.

Wir machen Halt am Nil und nehmen auf einem der Schiffsrestaurants, dem „Nile City“ das mächtig verspätete Mittagessen ein. Ich habe die Wahl zwischen Beef- und Chickenspieß und entscheide mich kurzentschlossen für das Chicken. Hier mache ich auch das erste Mal in natura mit Aisch Baladi – dem beliebten Fladenbrot Bekanntschaft. Es ist frisch und schmeckt wie das gesamte Essen vorzüglich.

Da ich die Einzige der Truppe bin, welcher der Sinn nicht mehr nach einem zusätzlich fakultativen Besuch des Khan-el-Kahlili Basars steht, werde ich einer fremden Reisegruppe in Obhut gegeben. Auf dem Weg zu meinem Hotel (ich bin inzwischen die letzte Businsassin) macht der Fahrer noch einen kleinen, ausgedehnten Tankstop. Um diese Zeit ist die Stadt vollkommen von Verkehr verstopft und wir kommen nur schrittweise vorwärts. Wahrscheinlich wäre man schneller gelaufen... Der Fahrer weicht schließlich auf Nebenstraßen aus und so holpern wir gute anderthalb Stunden über unbefestigte Straßen... Etwa gegen 19 Uhr erreichen wir das Hotel.

Ich seufze dankbar und verabschiede mich in Lichtgeschwindigkeit vom Fahrer, - noch ehe er die Hand aufhalten kann. Natürlich nicht aus Geiz, ich muss mir einfach erst Euronachschub organisieren. Ich stürze ins Hotelfoyer und springe in den Fahrstuhl. Alles was ich jetzt noch akzeptieren kann, ist eine lange, heiße Dusche.

Trotzdem halte ich zuerst eine Etage tiefer an und besuche meinen neuen Bekannten, der schon von seiner Tour zurück ist. Wir verabreden uns in einer Stunde in der Halle, was mir genug Zeit lässt, die ersehnte Duschorgie zu feiern.

 

 

 

 

Während ich wieder im Lift nach unten fahre, spüre ich, wie sich meine Lebensgeister ganz langsam wieder zu regen beginnen. Lothar erwartet mich schon und wir begeben uns trotz empfindlicher Kühle tapfer an die verlassen wirkende Poolbar. Wir berichten uns ausführlich von unseren Erlebnissen und würzen das Ganze mit einem ausgiebigen Ouzo. Doch schließlich lässt sich die Kälte nicht mehr verleugnen. Wir geben auf und verlegen uns nach drinnen. Lothar hat die Idee für ein besonderes Mitbringsel. So erstehen wir in einem Hotelshop noch ein paar hübsche kleine Glasflakons, die wir mit Wüstensand zu füllen gedenken, ehe wir an der Bar im Foyer landen. Ungefähr eine Stunde später beginnen wir der Müdigkeit rettungslos zu erliegen und begeben uns ins Bett. Jeder für sich natürlich. Sobald mein Kopf das Kissen berührt, bin ich eingeschlafen.

 

Text und Fotos: Debbie Harris


Share on Myspace
1
Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte - In den VZ Netzwerken zeigen
3
Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte - Ihren XING-Kontakten zeigen
3
Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte - Bei Wer kennt wen teilen
5
Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte - Auf Delicious teilen
3
Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte - auf Jappy teilen
1
PDF
E-Mail


Teilen




 
Start Feuilleton Reisetagebuch Ägypten Ägyptisches Nationalmuseum – Kairos Mitte