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Die Pyramiden von Gizeh

jenanews.de veröffentlicht das Reisetagebuch der Jenaer Autorin Debbie Harris, die im Januar 2009 zur Recherche für ihr neues Buch in Ägypten weilte. Heute: Teil 3: Die Pyramiden von Gizeh




„Sie sind ein Bau, vor dem die Zeit sich selber fürchtet; und alles hier auf Erden fürchtet sonst die Zeit."(Erzählungen aus 1001 Nacht)



Sieben Uhr Weckruf. Ich angle benebelt nach dem Telefonhörer auf dem Nachttisch, und lasse die Automatenstimme einen Moment an mir vorbeiziehen. Innerhalb Rekordzeit bin ich geduscht und jetzt beinahe wach auf dem Weg nach unten. Im Restaurant suche ich mir einen Tisch und besorge mir ein paar appetitliche Häppchen vom reichhaltigen Buffet.

Anschließend baue ich mich gestärkt in der Hotelhalle auf, damit mich der Reiseführer nicht eventuell noch übersieht. Und da ist er auch schon, ein sympathisch wirkender junger Mann in blauer Windjacke. Auf meine Anfrage hin erklärt er mir, dass der Euro ein überall akzeptiertes Währungsmittel ist, nur die Eintrittsgelder in Museen sind in ägyptischen Pfund zu entrichten. So will ich sicherheitshalber noch rasch ein paar Euro in Pfund umtauschen. Pech gehabt, der Wechselschalter ist nicht besetzt. (Obwohl er es nach den angegebenen Öffnungszeiten eigentlich sein müsste...) In sha Allah – wenn Allah will. Der Reiseführer ist daraufhin so nett, mir einstweilen hundert Pfund auf Treu und Glauben zu leihen.

Es ist im Freien noch kühl, doch es lässt sich bereits erahnen, dass es im laufe des Tages ziemlich warm werden wird. Ich steige in den Bus, der noch spärlich besetzt ist. Auf dem Weg zum Hotel Pyramisa, bei dem wir den Rest der Gruppe abholen, überqueren wir eine Brücke. Unter mir glitzert der Nil im Sonnenlicht, das Panorama der Skyline von Kairo, mit ganzen Satellitenschüsselwäldern auf den Dächern, zieht an mir vorbei. Der Autoverkehr ist das blanke Chaos, immer wieder bleiben wir stecken, so dass wir eine geschlagene Stunde bis zum Pyramisa benötigen.

 

 

Nachdem wir nun vollständig sind, geht es in Richtung des Hochplateaus von Gizeh. Vorbei an schmutziggrauen Häuserfassaden, deren Fenster wohl noch nie eine putzende Hand gesehen haben. Da fahre ich nun durch die größte Stadt der arabischen Welt, einer Stadt mit über zwanzig Millionen Einwohnern, der Schnittstelle zwischen Afrika und dem Orient. Ich starre aufgeregt aus dem Busfenster und vergesse das bohrende Gefühl der Einsamkeit dabei beinahe. Die Ägyptenfanatikerin in mir ist immer noch empfänglich für das Flair dieser fremdartig anmutenden Welt, auch wenn meine Augen vor Müdigkeit brennen, meine Füße in den nagelneuen Turnschuhen geschwollen sind und ich mich fühle, als hätte ich die Hälfte meiner selbst zu Hause zurückgelassen. Die Stadt erscheint mir geheimnisvoll und großartig, sie scheint die in ihr lebenden Menschen in ihrem Sog zu verschlingen, sie schlägt förmlich über mir zusammen.

Überall herrscht dichtes Gedränge, ein betagter Eselkarren zuckelt hinter einem fabrikneuen Mercedes her. Ich habe das seltsame Gefühl, mich auf einer Odyssee durch die Zeitlosigkeit zu befinden. Einheimische in ihren langen Galabias stehen debattierend mit Lattenkisten voll Hühnern und geschnürten Bündeln am Straßenrand. In einer Seitenstraße wartet ein Esel, an einer Haustür angebunden scheinbar stoisch darauf, dass die Zeit vergeht. Staubige Schaufensterreihen unter arabischen Schriftzeichen ziehen vorbei. Von Kopf bis Fuß schwarz gekleidete, teilweise verschleierte Frauen kämpfen sich durch das dichte Verkehrsgewühl, während sich barfüßige kleine Kinder an ihre Rockzipfel klammern. Dazwischen einheimische, europäisch gekleidete Männer und Mädchen mit bunten Kopftüchern, die am Straßenrand auf die Sammeltaxis warten, die sie zu ihrer Arbeitsstelle bringen sollen. Ich frage mich unwillkürlich, wie die Arbeitszeiten hier wohl geregelt sein werden, denn es scheint unmöglich, einen Ort zu einer festgelegten Zeit zu erreichen. Die eingedellten Autos um mich her wirken zum großen Teil sehr betagt und wären in Deutschland wohl längst dem TÜV zum Opfer gefallen.

 

Unser Bus bewegt sich gemächlich im Reißverschlussverfahren durch die Blechlawine, offensichtlich gilt hier das Motto – wer am lautesten hupt, hat Vorfahrt. Der Gestank der Auspuffgase in Verbindung mit dem Geplärr der Hupen lassen mich allmählich in einen tranceähnlichen Zustand der Erschöpfung verfallen. Wir fahren durch eine seltsam anmutende Mischung aus Moderne und Verfall. Menschenmassen, die sich durch das Verkehrschaos quälen, ein Szenario aus Beton, Asphalt, Staub und Blech.

Und endlich die Pyramiden. Früher erhoben sie sich schon von weitem sichtbar majestätisch über den Horizont. Heute sind ihnen die Wohntürme Kairos völlig auf den Leib gerückt, dazwischen erhascht man günstigenfalls einen Blick darauf, wenn einem der allgegenwärtige Smog nicht gänzlich die Sicht nimmt.

Unser Reiseführer drückt uns die Eintrittskarten in die Hand und ich erfahre mit leisem Bedauern, dass ich nicht in die Cheopspyramide hinein kann. Die Anzahl der Besucher ist auf dreihundert am Tag beschränkt, wer das Innere besichtigen will, muss sich um 7 Uhr morgens anstellen, um noch eine der begehrten Karten zu erstehen.

 

Wir werden am Eingang durch einen Metalldetektor geschickt, unsere Taschen durchsucht. Und dann endlich tauchen die jahrtausendealten Wahrzeichen Ägyptens – von den 7 Weltwundern der Antike haben nur sie die Zeit überdauert, in ihrer ganzen Majestät und Schönheit hinter der Mauer auf. Von Morgendunst und Smog umwallt, haben sie nichts von ihrem Geheimnis eingebüßt.

Direkt vor mir, die exakt nach Norden ausgerichtete Cheops-Pyramide, bestehend aus mächtigen, durchschnittlich einer Tonne schweren, goldgelben Gesteinsquadern, die ihrer äußeren Verkleidungsschicht aus weißem Tura Kalkstein beraubt, heute nur „noch“ 137m in den Himmel ragen. Kaum ein Bauwerk wurde so gründlich untersucht und vermessen, wie die Cheops-Pyramide und noch immer kommen erstaunliche Dinge zu Tage. Pharao Cheops (um 2560-2535 v.Chr.) wählte das leicht erhöhte Felsplateau als Erster für den Bau seiner Pyramide. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob der Pharao wirklich jemals dort beigesetzt wurde. Der leere Sarkophag in der Grabkammer ist der einzige Hinweis auf eine eventuelle Nutzung als Begräbnisstätte. Dienten die Pyramiden anderen, unbekannten Zwecken? Waren sie vielleicht religiöse Kultstätten? Eine Dame meiner Reisegruppe ist der festen Überzeugung, dass uns hier Außerirdische Wesen ein spektakuläres Denkmal hinterließen. Die Spekulationen um das wie und warum werden wohl nie enden. Doch gerade das macht das Ganze für mich so interessant.

 

Heute betritt man die Pyramide durch einen Grabräubereingang, bloß kann ich wegen des Kartendilemmas ja nicht rein. Ich lege meine Hand andächtig auf einen der großen, über 4500 Jahre alten Steinquader und versuche einen flüchtigen Hauch der Zeit zu erhaschen. Vielleicht passiert mir genau das, was ich in diversen Romanen gelesen habe, und ich werde in ein früheres Leben zurückkatapultiert. Irgend einen Grund muss es für meine Ägyptomanie ja geben. Dabei werde ich unsanft von einem der zahllosen Kameltreiber in meiner Konzentration gestört, der „Madame“ unbedingt auf seinem räudigen Viech fotografieren will. Doch halt! Ich projiziere meinen Frust auf das arme Tier. Das Kamel ist eigentlich ganz niedlich, auch wenn es so lautstark röchelt, als würde es gleich vor meinen Augen den Löffel abgeben. Ich gebe mich schließlich geschlagen, (um des Kamels willen) weigere mich aber hartnäckig den Rücken des süßen Tiers zu erklimmen. So verewigt mich der Mann vor dem Tier stehend auf einem Foto und verlangt dafür die unverschämte Summe von 25 Euro. Ich drücke ihm schließlich 2 in die Hand und lass ihn lautstark palavernd einfach stehen. - In sha Allah.

Das Sonnenlicht wirkt wunderbar golden und lässt den Wüstensand zu meinen Füßen leuchten. Der Himmel ist inzwischen von einem tiefen, strahlenden Blau. Die Atmosphäre, die über all dem liegt, wirkt verzaubert. Mein „normales“ Alltagsleben scheint in diesem Augenblick so weit entfernt, als würde es nicht wirklich existieren. Nur das Jetzt ist real und greifbar. Ich wandere ergriffen weiter.

An der Südseite der Pyramide liegt das Bootsmuseum, ein seltsamer Bau, der hier ziemlich deplaziert wirkt, in dem ein 43m langes Schiff zu besichtigen ist, dass in zahllose Einzelteile zerlegt in einer luftdicht abgeschlossenen Grube, direkt unter dem Museum entdeckt wurde. Leider reicht meine Zeit nicht für eine Besichtigung aus.

Immer wieder werde ich auf meinem Weg von Leuten angehalten, die mich auf ihre Kamele oder Pferde setzen, mir irgend etwas andrehen, oder mein bester Freund sein wollen (gegen gutes Geld natürlich) und es nervt schließlich unendlich, sie alle ständig mühselig abwimmeln zu müssen.

 

Ich pilgere gemächlich weiter zur kleineren Chephren-Pyramide (136,5m), die jedoch aufgrund ihres erhöhten Standplatzes größer als die Cheops-Pyramide erscheint. An ihrer Spitze sind die weißen Tura-Kalksteinplatten, die früher alle drei Pyramiden bedeckten, noch erhalten. Der Mykerinos-Pyramide, (mit heutigen 62m) der Kleinsten, kann ich wenig Aufmerksamkeit widmen, da die Zeit drängt. Die wesentlich kleineren und stark vom Zahn der Zeit benagten Königinnenpyramiden grüße ich im vorbeigehen.

Ich kämpfe mich eilig durch meine besten Freunde, die Kameltreiber zum Bus, der wie angekündigt an der Rückseite der Cheopspyramide wartet. Natürlich bin ich die Letzte.

Wir fahren ein Stück bergan zu einer Aussichtsplattform, von deren Höhe man die Gelegenheit hat, die drei Pyramiden zusammen abzulichten, wovon von uns allen ausgiebig Gebrauch gemacht wird, ehe wir schließlich weiterfahren.

Unser Weg führt uns direkt zur etwas tiefer gelegenen Sphinx. In der Fachsprache wird sie als „der“ Sphinx bezeichnet. Halb Löwe, halb König liegt er im heißen, goldgelben Wüstensand. Seine zerstörte Nase, (einer Theorie nach sind Bart und Nase einer Kanonenkugel der bösen Mamelucken während einer Schießübung zum Opfer gefallen) kann seine stille Würde nicht im Geringsten schmälern. Bemerkenswert ist auch, dass die Sphinx aus einem einzigen Steinblock gemeißelt wurde. Eine unbekannte Dame ist so nett, ein Photo von meiner Wenigkeit vor dem edlen Teil zu schießen. Über die Jahrhunderte wurde sie wiederholt von Sand zugedeckt. Die oder der Sphinx natürlich – nicht ich.

1200 Jahre nach ihrer Entstehung ließ Pharao Thutmosis IV zwischen den Pfoten des 20m hohen und 73m langen Ungetüms eine Stele aufstellen, auf welcher zu lesen ist, dass ihm die Sphinx im Traum den Thron versprach, wenn er sie vollständig vom Sand befreit. Tat er und gewann prompt die Pharaonenkrone. Schön zu wissen, dass damals noch auf jemanden Verlass war.

Ich erklettere den umgebenden Schutzwall und bestaune die Sphinx auch von ihrer Rückseite. Sie ist unzweifelhaft beeindruckend. Schön, geheimnisvoll und auf gewisse Weise wild, wenn auch ihr zerstörtes Antlitz immer noch eine zeitlos wohlwollende Ruhe und Unnahbarkeit ausstrahlt. Trägt sie wirklich die Gesichtszüge des Pharaos Chephren? Wir werden es wohl nie erfahren...

Text und Fotos: Debbie Harris


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