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Nacht über Kairo

jenanews.de veröffentlicht das Reisetagebuch der Jenaer Autorin Debbie Harris, die im Januar 2009 zur Recherche für ihr neues Buch in Ägypten weilte. Heute: Teil 2: Nacht über Kairo




Der Pilot setzt die Maschine gefühlvoll auf der Landebahn des International Airports in Kairo auf. Kurze Zeit später betrete ich die Gangway und bleibe unwillkürlich einen Augenblick stehen, um die ersten Atemzüge ägyptischer Luft intensiv zu genießen. Ich erwarte den geheimnisvollen Duft jahrtausendealten Staubs, von Wüstensand und Palmen, mit einer leichten Prise des jadegrünen Nils gewürzt. Ein tiefer Atemzug – und ich inhaliere eine kräftige Prise Abgase. Die schwitzende, übergewichtige Dame hinter mir, rammt mir ungeduldig ihren kleinen Hartschalenkoffer in den rückwärtigen Teil meiner Anatomie und ich stolpere die restlichen Stufen nach unten, - direkt ins Land meiner Sehnsucht.

Im Zubringerbus vermischen sich abgestandener Schweiß, Parfum-, Zwiebel- Knoblochgeruch und Staub zu einem harmonischen Ganzen. Ich erwische irgendwie noch einen Sitzplatz und lasse mich samt dem Rucksack darauf plumpsen. Als der Bus mit einem kräftigen Ruck anfährt, sitzt urplötzlich ein kleiner Mann auf meinem Schoß. Er grinst mich sichtlich schockiert, entschuldigend an und hangelt sich schnell an der Haltestange wieder hoch. Ich setze mein bestes Madonnenlächeln auf und wackle dabei verstohlen mit meinen gequetschten Zehen. Pfeif auf die Zehen, ich bin in Kairo.

 

 

Im Flughafengebäude stelle ich mich brav an, um meinen jetzt arg ramponierten, - ach vor ein paar Stunden noch so neuen Koffer, wieder in Empfang zu nehmen. Macht nix.

Weiter geht’s, ich betrete die Ankunftshalle und suche angestrengt im unglaublichen Menschengewühl nach einem Hinweis auf meinen Reiseveranstalter. Den großen Koffer angestrengt hinter mir herzerrend, mache ich endlich ein Schild ausfindig, das richtig wirkt. Die üblichen Empfangsfloskeln von einem Herren mit Schlips, dann wühle ich hastig im Rucksack nach dem Pass, bekomme einen Aufkleber eingeklebt, zahle und damit ist die leidige Visaangelegenheit überraschend schnell und unbürokratisch geklärt.

Danach wird der Pass noch einmal an einem Schalter von einem ägyptischen Beamten kontrolliert, damit auch alles seine Richtigkeit hat. Nach ein paar ausgiebigen Warteminuten in der überfüllten Ankunftshalle bekomme eine Busnummer genannt und drängle mit dem Menschenstrom nach draußen. Es herrscht bereits Dunkelheit, die von schummrigen Straßenlaternen erhellt wird. Und es ist warm, bemerke ich dankbar, als ich an die arktischen Temperaturen zu Hause denke. Atemlos halte ich nach meinem Beförderungsmittel Ausschau, als mir auch schon der Koffer aus der Hand gerissen wird. „Meridien?“ Ich nicke bestätigend. Zu nostalgischen Gefühlen bleibt mir einfach keine Zeit. Der junge Koffermann verfrachtet mein Gepäck in Lichtgeschwindigkeit in einen Kleinbus und streckt mir auffordernd die Hand entgegen. „Bakschisch!!!“ Na gut, - ich beglücke ihn mit einem Euro und steige ein.

Im trüben Halbdunkel mache ich einen einzelnen jungen Mann aus, aufatmend lasse ich mich auf die Sitzbank hinter ihm fallen. Während der Fahrt kommen wir ins Gespräch und stellen beglückt fest, dass wir die Ägyptomanie teilen. Und dazu teilen wir auch noch die Unterkunft. Noch bevor wir unser First-class-Hotel „Le Meridien Pyramids“, erreicht haben, sind wir schon dicke Kumpel, beschließen spontan einfach die Koffer abzuladen und unverzüglich auf Abenteuersuche zu gehen. Meine chronische Müdigkeit habe ich anscheinend in good old Germany zurückgelassen, denn ich bin so voller Tatendrang, dass ich fast platze.

Nach etwas über einer Stunde Fahrt tauchen die beleuchteten Pyramiden am Straßenrand auf. Sie befinden sich hinter einer Mauer direkt gegenüber des Hotels. Wir erreichen einen Kontrollposten vor dem Hotel, dürfen nach kurzem Palaver passieren und steigen aus. An der Eingangstür werden wir durch einen Metalldetektor geschleust, es piepst wie verrückt, doch augenscheinlich macht sich keiner der netten Herren was draus. Es fragt mich jedenfalls keiner, ob ich vielleicht zufällig irgendwelche Mordwaffen im Rucksack mitschleppe. Ich frage mich kurz, wozu das Ganze denn gut sein soll, dann wird meine Aufmerksamkeit von der Pracht der weitläufigen Empfangshalle gefesselt. Die linke Seite wird in der Länge fast ganz von der Rezeption eingenommen. Dunkles Holz, Messingbeschläge. Geäderter Marmorboden, ein riesiger Kristallkronleuchter beschirmt einen Treppenaufgang der einer Seifenoper würdig wäre. Rechter Hand plätschert ein Wasserfall die Wand herunter. Einfach nur nobel. Überall Sitzgruppen, Bars und Shops. Ein Herr von der Reiseleitung begrüßt uns, übernimmt zuvorkommend die Anmeldeformalitäten für uns, während wir uns andächtig auf zwei der lederbezogenen Sesseln niederlassen.

Endlich Zeit, um meinem „einzigen“ Laster zu frönen, ich zünde mir eine Zigarette an und freu mich einen Moment still vor mich hin. Dann werde ich auf mein Zimmer geleitet, drücke dem Hotelangestellten das unvermeidliche Bakschisch in die Hand und bin froh, dass ich zufälligerweise noch im Besitz von ein paar Euromünzen bin. Ägyptenreisende sollten zu diesem Zweck eine ausreichende Menge an Kleingeld mit sich führen. Hab ich, aber ob es bei dem Tempo, in dem ich es loswerde, auch ausreicht?

Das Zimmer ist groß, zwei getrennt stehende Betten, ein Schreibtisch, die Farben in Weiss- und Blautönen gehalten. Das Bad blauer und weißer Marmor mit Wanne. Ich rieche an der pinkfarbenen Rose, die dekorativ in einer Ecke thront und stelle beeindruckt fest, dass sie Natur pur ist. Sehr schön. Der Geräuschpegel im Zimmer ist weniger schön. Die Klimaanlage rauscht wie ein wild gewordener Gebirgsbach, ich drehe ihr kurzerhand den Hahn ab. Was den Lärm aber auch nicht wesentlich verringert. Klar, die Fenster sind angekippt. Im Versuch sie zu schließen, lüpfe die zugezogenen Vorhänge, doch da ist nichts angekippt. Ich schaue hinaus, direkt auf die nächtliche Straße, die einem vollständigen Verkehrskollaps zum Opfer gefallen scheint. Das anhaltende Hupkonzert spielt sich, meiner Wahrnehmung nach, direkt im Zimmer ab. Nichts mit Lärmschutzverglasung. - Macht auch nichts.

Ich pilgere durch endlose Gänge, fahre mit dem Lift nach unten und versuche mir dabei den weiten Weg zu verinnerlichen, damit ich mein Domizil später problemlos wiederfinde. Mein neuer Bekannter erwartet mich bereits in der Halle und wir machen uns sofort auf Abenteuersuche.

Das Erste begegnet uns zwanzig Meter später auf der Straße in Gestalt eines Polizisten, der uns anhält und nach dem wohin fragt. Wir erklären ihm auf Englisch, dass es uns nach den Pyramiden gelüstet. Er bietet uns großzügig seine Begleitung an und wir akzeptieren, nachdem er uns keine andere Wahl lässt. Die Überquerung der Straße ist ebenfalls ein Abenteuer, - wir werfen uns todesmutig zwischen den keine Sekunde abreißenden Autostrom und rennen um unser Leben. Die Gehsteige sind nicht befestigt und nach ein paar Metern Sandwaten ist die ursprüngliche Farbe meiner Stiefel bereits nicht mehr feststellbar. Die Temperatur ist angenehm mild, erinnert mich an Frühling. Der Geruch der Luft eher an wild rauchende Fabrikschlote.

Bald heftet sich ein weiterer mittelalterlicher Ägypter an unsere Versen und versucht uns in gebrochenem Englisch etwas mitzuteilen, aus dem ich nicht ganz schlau werde. Meine Aufmerksamkeit wird ausschließlich von meiner Umgebung beansprucht. Einträchtig marschieren wir nun zu viert weiter. Nach ungefähr einer Viertelstunde Weg bleiben wir zwangsweise vor einer Mauer stehen. Die Pyramiden ragen hoch darüber empor. Ich verschlinge sie förmlich mit den Augen, mein Herz klopft so laut, dass ich denke, alle müssten es hören. Ich will weiter heran, will die Steine endlich berühren, doch der nette Herr von der Touristenpolizei erklärt uns ernsthaft, dass dies zu dieser Stunde leider nicht möglich ist.

Geöffnet wird erst morgen früh wieder. So machen wir uns leicht ernüchtert und unverrichteter Dinge wieder auf den Rückweg. Kurz vor dem Hotel strecken uns unsere beiden unerwünschten Begleiter grinsend die Hände entgegen. Das unvermeidliche Bakschisch wechselt die Besitzer und wir begeben uns zurück in unser Domizil. Nachdem wir uns in einer der Hotelbars noch einen ausgiebigen Ouzo genehmigt haben, beschließen wir es für heute gut sein zu lassen. Da ich sonst fast nie Alkohol trinke, falle ich angenehm benebelt in mein Bett und schlafe trotz des von ausgiebigen Hupkonzerten untermalten Verkehrslärms sofort ein.

 

Text: Debbie Harris - Mit freundlicher Genehmigung.
Fotos: Agentur, Debbie Harris

 


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