jenanews.de veröffentlicht das Reisetagebuch der Jenaer Autorin Debbie Harris, die im Januar 2009 zur Recherche für ihr neues Buch in Ägypten weilte. Heute: Teil 1: Es ist soweit – Kairo, ich komme!



Als an diesem Morgen der Wecker klingelt, bin ich mit einem Schlag hellwach. Nicht, dass ich besonders ruhig geschlafen hätte... Im Unterbewusstsein habe ich die ganze Nacht auf diesen durch Mark und Bein gehenden Piepton gewartet, der mir auch an einem ganz gewöhnlichen Morgen eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

Ich bleibe noch einen Augenblick still liegen und horche in mich hinein. Ist sie jetzt da? Die erwartungsvolle, überschäumende Freude, die mir einen Adrenalinschub bescheren müsste, der mich sofort auf die müden Füße treibt? Nichts. Ich spüre nur eine dumpfe Benommenheit. Es ist schon eine komische Sache mit der Freude, denke ich, während ich mit halbherzigem Gähnen nach meinen Hausschuhen angele. All die Jahre über hatte ich sie in mir. Diese Vorfreude. Doch seitdem die Reise beschlossene Sache ist, ist sie irgendwie, irgendwo auf rätselhafte Weise abhanden gekommen. Als ob sie sich in den Jahren des Wartens irgendwie abgenutzt hat und schal geworden ist.

Im Moment drehen sich all meine Gedanken nur um die simple Problematik, ob ich auch alles Nötige im Gepäck habe. Nachdem ich alles im Kopf zum hundertsten Mal durchgecheckt habe, schüttle ich den Kopf über mich selbst. Ich fliege schließlich nicht zum Mond. Die Annahme, dass es im Notfall auch in Ägypten Duschgel oder Zahnpasta zu erstehen gibt, ist logisch nicht von der Hand zu weisen. Und doch sehe ich sicherheitshalber noch mal nach der Haarbürste, die sich bereits brav im Koffer befindet.

Nachdem ich mein morgendliches Waschritual hinter mich gebracht habe, begebe ich mich unentschlossen in die Küche und registriere dankbar, dass mein Gatte das Frühstück schon gerichtet hat. Nach dem ersten Schluck Kaffee sieht die Welt bereits etwas netter aus, obwohl das frühmorgendliche grau in grau Panorama vor dem Fenster wenig dazu beiträgt, in übermütig heitere Urlaubsstimmung zu verfallen.

Und dann kommt der Moment des Abschieds. Ich erwürge meine Große fast in meiner Umarmung, während wir uns gegenseitig gerührt versichern, wie sehr wir uns vermissen werden. Meine Hunde sehen mich vorwurfsvoll aus großen, feuchten Augen an, obwohl ich ihnen wortreich erkläre, dass ich doch auf jeden Fall bald zurückkomme.

Auf der Autobahn beginnt es zu schneien, eine Fahrspur ist vollkommen vereist und nicht befahrbar. Mein Mann, der liebenswürdigerweise den Job des Chauffeurs übernommen hat, meistert die widrigen Wetterverhältnisse gekonnt. Hinter mir erzählt meine kleine Tochter ohne Punkt und Komma irgendwelche Geschichten, von denen ich aber auf Grund des Lärms, den die so früh am Tag unglaublich gutgelaunten Moderatoren eines Radiosenders vollführen, kein Wort verstehe. Ich werfe meinem sichtlich auf den Verkehr konzentrierten Fahrer einen kurzen Seitenblick zu, erspare mir aber die zaghafte Bitte mein empfindliches Hörorgan zu schonen, da ich heimlich hoffe, dass ihn der bestialische Krach vielleicht vorm einschlafen bewahrt.

Nach zweieinhalb Stunden verkündet ein Schild, dass wir uns in unmittelbarer Nähe des Flughafens Berlin-Schönefeld befinden, was mich endlich der Sorge enthebt, wir könnten dummerweise am Ende die Maschine verpassen.

Ich gebe meinen nagelneuen Weihnachtsgeschenkkoffer am Flugschalter ab, hocherfreut, die zwanzig Kilo Gepäckbegrenzung nicht überschritten zu haben und beginne mich etwas zu entspannen. Es ist noch Zeit und so setzen wir uns noch einmal in der Wartehalle zusammen und trinken Kaffee. Ich mustere das süße Gesicht meiner kleinen Tochter und komme mir dabei wie eine Rabenmutter vor. Wir waren noch nie so lange getrennt. Ganze vierzehn Tage! Doch ehe ich die ganze Sache lauthals abblasen kann, wie ich es jetzt von schlechtem Gewissen geplagt am liebsten tun würde, bin ich schon durch die Passkontrolle und winke meinen schnöde zurückgelassenen Lieben ein allerletztes Mal zu.

Das Flugzeug der Ägypt Air startet auf die Minute pünktlich, während ich, ein Pfefferminzstartbonbon im Mund, nachdenklich aus dem Fenster schaue. Die Geschwindigkeit presst mich in den Sitz und dann heben wir mit einem kleinen Ruck ab. Es kribbelt in meinem Bauch, als hätte sich eine ganze Ameisenkolonie darin verirrt und plötzlich ist sie da. - Die Vorfreude.
Text: Debbie Harris - Mit freundlicher Genehmigung.
Foto: Agentur

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