Freitag, 23 | 08 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Der Becherwurf zu St. Pauli

Was war das Fußball-Wochenende wieder aufregend! Und beinahe hätte der FC Carl Zeiss Jena – wie ganz richtig vorausgesagt - mit 3:0 in Rostock gewonnen. jenanews.de-Kolumnist Hartfried Ackermann tritt sportlich nach.

So verrückt kann Fußball sein: Da geht Hannover vor gefühlt 200.000 Zuschauern im Signal-Iduna-Park in Führung, verliert dann aber doch noch mit 1:4 und anschließend gratuliert Hannovers Trainer Mirko Slomka dem BVB artig zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Und das alles sechs Spieltage vor Schluss! Bei also immerhin noch 18 zu vergebenden Punkten und 14 Zählern Rückstand auf Dortmund halte ich das für sehr respektlos gegenüber den Bayern, die mit einer Riesenportion Dusel immer noch die Schale holen können. Die aktuell auf zwei befindlichen Leverkusener zählen nicht, denn die werden niemals Meister. Die freuen sich am Saisonende – vom Rest der Liga unbemerkt – über Platz drei und das Erreichen der Champions League-Quali, während man zur gleichen Zeit in Bremen mit Autokorsos den Klassenerhalt feiert.

Einen Autokorso hätten beinahe auch Jenas Fans auf dem Heimweg von Rostock veranstalten können, nach dem die Truppe von Wolfgang Frank fast – wie von mir letzte Woche ganz richtig vorausgesagt – mit 3:0 gegen Hansa gewonnen hatte. Und überhaupt: Was war das knapp! Großchance um Großchance ließen die Zeiss-Kicker liegen - vielleicht aus Mitleid, um den Rostockern nicht den Aufstieg zu verderben, vielleicht auch, weil die Tore im ehemaligen Ostseestadion in ihren Abmessungen völlig unterdimensioniert sind – egal; nun sehen sich die blau-gelb-weißen nach dem nicht ganz so gelungenen Mitte-Nord-Derby plötzlich wieder mit dem hässlichen Wort Abstiegskampf konfrontiert. Und das alles nur, um Rostock Schützenhilfe in Sachen Aufstieg zu leisten.
Hier aber finde ich, sollte die Großzügigkeit dann doch ihre Grenzen haben, denn bei aller Sympathie für die Fußballfreunde am nördlichen Rand der Republik: Wir freuen uns ja von Herzen mit Euch, wenn Ihr in der kommenden Saison in der 2. Bundesliga gegen die Hochkaräter aus Paderborn und Ingolstadt ein Unentschieden holt, aber wer freut sich mit uns, wenn wir nächstes Jahr Plauen und Meuselwitz deklassieren? Irgendwie ist die 3. Liga auch nicht mehr, was sie mal war.

Und dann war da noch am Freitagabend der Becherwurf zu St. Pauli (klingt fast wie der Fenstersturz zu Prag) – die Konsequenzen werden ähnlich verheerend sein. Während Europa nach jener misslichen Aktion in Prag damals 30 Jahre lang Krieg erdulden musste, wird der FC St. Pauli wohl die nächsten 30 Jahre Reparationszahlungen an den DFB leisten müssen. Wohin das führt, konnte man am Beispiel der ehemaligen DDR verfolgen. Nur das da der DFB die Sowjetunion war.

Da wirft also ein Zuschauer aus ca. sechs bis acht Metern einen Bierbecher nach dem Schiedsrichter-Assistenten, worauf dieser – im Genick getroffen – zusammenbricht und man das Schlimmste befürchten musste, so dass Schieri Aytekin die Begegnung abbricht, um den Notärzten den Zugang zum beinahe tödlich getroffenen Kollegen zu gewährleisten.
Doch jetzt mal die Szene in Zeitlupe unter Berücksichtigung der derzeit gültigen physikalischen Gesetze: Zuschauer wirft maximal erbost einen aus Leichtplast gefertigten Getränkebecher – Fassungsvermögen 0,4 l – auf den Assistenten Thorsten Schiffner (Konstanz). Das Leergewicht des Bechers könnte den Luftwiderstand ohne fremde Hilfe nicht überwinden, weshalb der Becher ohne Inhalt gänzlich ungeeignet ist, Distanzen im Flug zu überwinden. Die Fernsehbilder belegen deutlich, dass der Becher erst durch das Befüllen mit Bier zum Flug befähigt wurde. Und dann trifft das Geschoss den Assistenten, der sicher maximal erschrocken war: Wann bekommt man schon einen Bierbecher ins Genick geworfen? Ich meine, außer natürlich zum Frühlingsfest in Jena. Doch musste Herr Schiffner zusammenbrechen wie einst Materazzi im WM-Finale 2006? Da scheint es nicht gut um die Rückenmuskulatur zu stehen, wenn ein einziger Becher Dünnbier den Assi aus den Socken hebt. Und was wäre wohl dem armen Herrn Schiffner geschehen, hätte ein Zuschauer – worst case – mit einem Schaumstoff-Sitzkissen nach dem Assistenten geworfen?

Dem DFB empfehle ich, künftig sämtliche als Wurfgeschosse zu verwendende Utensilien aus dem Stadion zu verbannen: Bierbecher, Sitzkissen, Kaugummis, Anzeigetafeln, Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Fußballschuhe, Eckfahnen...
Und dem Becherwerfer sei gesagt: Bleib künftig zu Hause, Du Blödmann!

Mit sportlichen Grüßen,
Ihr Hartfried Ackermann

Foto: pixelio.de
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