Mittwoch, 18 | 09 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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...die woll'n doch nur spielen!

Lucie Lemminghausens Fußball-Kolumne "Unter der Grasnarbe" auf jenanews.de - Heute: ...die woll'n doch nur spielen! - Theaterhaus Halle. Umgeben von Glatzen in Thor Steinar-Klamotten, Szenecodes soweit das Auge reicht. Neben den Gastgebern auch noch lauter Effchen und Lokis.

Dass ich und mein Begleiter hier nicht hingehören, hat man wohl schon gemerkt – die und wir auch. Nun gut, böse Blicke kann man ja ignorieren. Und überhaupt. Ich habe nichts gegen Halle. Gegen Nazis, ja, gegen die hab ich was. Und wenn ich von Jena an einem Freitagabend nach Halle fahre, um ein Stück mit dem Namen „Ultras“ zu sehen und dann eine Absolution für jegliches rechtsradikales Fanverhalten geboten bekomme, dann regt mich das auf.

 

Dabei ist es eigentlich klasse, den Fans und ihrem Anliegen eine Plattform zu geben. Finde ich gut – wirklich! Aber die Art und Weise, die geht nun mal gar nicht. Dass hier Laien auf der Bühne stehen, ist dabei gänzlich sekundär – sie wissen, wovon sie reden. Immerhin ist es ihre Geschichte. Wer, wenn nicht sie, sollte diese so authentisch wie möglich vermitteln können. An einigen Stellen schaffen sie das sogar, Stadionverbote, Gewalt und Probleme mit der Polizei zeichnen ein Bild der Wirklichkeit, wie es klarer kaum sein könnte. Leider fehlt der Draufsicht etwas: der Gegenpart.

Gerade die Auseinandersetzungen mit Polizei, Verein und Medien werden undifferenziert dargestellt, wie es schlimmer nicht sein könnte. Selbstkritik? Fehlanzeige. Da helfen auch die kritisch-amüsanten Intermezzi eines Magdeburger Sportjournalisten nicht drüber weg. Immerhin macht der aber eines deutlich: Zwischen Fans und Medien herrscht ein eindeutiges Kommunikationsproblem. Leider habe ich immer das Gefühl, dass beide Seiten im Dialog nur missverstanden werden wollen. So kann man nämlich immer schön auf dem Anderen herum hacken. Tolle Sache.

„Juden Jena“-Schmähgesänge damit zu legitimieren, dass man ja auch Zigeunerschnitzel sagt, ist genauso dämlich. Und nein, das reicht Regisseur und Darstellern nicht. Sie setzen noch eins drauf. Von ihnen leugnet doch gar keiner den Holocaust, sagen sie, aber „Juden Jena“, das sei nicht politisch. Und schon gar nicht antisemitisch. Beide Aussagen zusammengenommen ist das nicht nur in höchstem Maße peinlich, sondern auch noch historisch schizophren.Offensichtlich gibt es immer noch Leute, bei denen nicht angekommen ist, dass eben dieser Holocaust Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Wegen ihres Glaubens. Weil sie Juden waren.

Und nun, liebe Darsteller? Argumente ausgegangen? Mitnichten! „Juden Jena“ ist doch nur als Provokation gemeint, weil die Jenaer da so schön komisch drauf reagieren. Watt’ne scheiss Ausrede, ganz ehrlich. Die auf der Bühne finden das lustig. Säße ich nicht zwischen lauter Glatzen, die das auch urkomisch finden, hätte es an dieser Stelle wohl bei mir ausgesetzt. Freud sei Dank, der Selbsterhaltungstrieb… .

Nach 90 Minuten ist Schluss. Was von „Ultras“ bleibt, ist ein mieses Gefühl. Halle hat sich und seinen Anhängern mit dem Stück keinen Gefallen getan. In mir jedenfalls hat sich das Bild von den Missständen saaleabwärts meiner Heimatstadt verfestigt. Noch fataler aber ist: Das Stück hat an keiner Stelle gezeigt, dass eben jenes Halle nicht der Maßstab aller Ultraszenen ist. Und das ist es zum Glück nicht. Da lob’ ich mir mein Jena…

 


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