Montag, 23 | 09 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Wie ich die Welt rettete

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – Gestern Abend holte ich meine Freundin vom Bahnhof ab. Göschwitz. Gaaaaanz dunkle Ecke. Im Dämmerlicht des zu Ende gehenden Tages wirkte das Bahnhofsgelände dem Chicago der 1930er Jahre nicht unähnlich. Jedenfalls ähnlicher als einem Ortsteil der „Stadt der Wissenschaften 2008“.

Jeden Augenblick glaubte ich Zahnstocher-Charly, Al Capone und Gamaschen-Joe aus der Unterführung auf mich zustürmen zu sehen, unter dem Arm die Geigenköfferchen, in denen selbstverständlich keine Stradivaris, sondern kleine, handliche Schnellfeuerwaffen transportiert werden. Und weil der Zug Verspätung hatte – wieso wunderte mich das nicht? – und Gamaschen-Joe und die anderen mich ungehindert passieren ließen, durchquerte ich die Unterführung und begab mich an den Imbiss im Gewerbegebiet.

Dort wurde ich, während ich auf meine Bratwurst wartete, Zeuge eines zutiefst philosophischen Gesprächs. Ein Mann mit Fahrradhelm auf dem Kopf – der Typ sah zum Schießen aus und ich frage mich immer öfter, weshalb man den Leuten nicht endlich mal einen Spiegel vor den derart entstellten Kopf hält und dazu eine Laufschrift einblendet: Hey Leute, mit diesen Dingern auf dem Schädel seht Ihr echt Scheiße aus!

Der Helm-Mann also lobte mit prächtigen Worten die tollen Fahrradwege in Jena. Worauf ihm der Imbiss-Betreiber entgegnete: „Was nützt Dir der schönste Fahrradweg wenn’s regnet?“ - Hey, das hatte echt Tiefgang! Ich war sprachlos. Ich meine, da gibt es Leute, die studieren 48 Semester lang Philosophie, um danach in den Vorruhestand zu gehen und hier – mitten in der Pampa, zwischen Jenoptik-HiTec und Zahnstocher-Charly-Bahnhof in Göschwitz verkauft einer Bratwürste, Kaffee, Schnitzel und Kartoffelsalat aus dem Eimer und kontert seine Kundschaft mit Sätzen, die von Nitzsche, vielleicht sogar Karl Marx hätten stammen können. Und ich mittendrin! Wow!

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich während des Altstadtfestes und das brachte mich dann auf die Idee, die Welt zu retten. Es heißt ja, kleine Kinder und Betrunkene sprechen die Wahrheit. Nun denn... Nach reichlich Schellenbier packte mich der Hunger, nein, mehr die animalische Gier nach Mutzbraten. Und dabei passierte es dann: Während ich mit Plastebesteck bewaffnet den Kampf gegen die wehrlos in einer PVC-Schale eingepferchte Thüringer Köstlichkeit aufnahm, stritten sich zwei mitteldürftig betrunkene Herren über das Ausmaß der gelben Gefahr. Aaah ja... die Chinesen also. Hm, heißes Thema. Wir sprechen hier immerhin von 1,3 Milliarden Menschen. Und stündlich werden es mehr...

Der eine der beiden vertrat die These, dass der Rest der Menschheit erpressbar geworden sei. Immerhin könnten die Chinesen, wenn sie sich dazu verabreden und alle zugleich von ihren Tischen springen würden, durch den Aufprall die Erde aus ihrer Bahn lenken. Der andere war sprachlos ob soviel Gefahr auf einmal! Was, wenn die Chinesen, aus welchen Gründen auch immer, mal sauer auf uns werden? Verabreden sich und springen alle auf einmal von ihren Küchentischen! Bumms – Erde aus der Bahn gedrängt!

Na Mahlzeit. Da kannste doch echt nur noch Schellenbier trinken, zu ROSA schunkeln und hoffen, dass Du auf dem Heimweg keinen Chinesen schief anguckst. Ich meine, wenn der richtig mies drauf ist, ruft der doch sofort zu Hause an – wie man Handys kopiert, wissen die nicht erst seit Gestern – und bumms, ein Volk, ein Sprung und Erde aus der Bahn!

Ich war wie gelähmt angesichts dieser Gefahr. Und erstaunt. Die BILD-Zeitung meldet doch sonst immer zuverlässig, wann der nächste Weltuntergang droht. Warum diesmal nicht?! Was läuft da schief? BILD-Zeitung von Chinesen unterwandert oder China von BILD oder wie oder was? Und plötzlich wusste ich, was zu tun war: Ich rief bei mir zu Hause an und da ich nicht da war, diktierte ich meinem Anrufbeantworter meinen letzten Willen. Wenn die Chinesen denn tatsächlich springen, wollte ich wenigstens vorbereitet sein.

Und während ich mein Vermögen aufteilte (Liebes Finanzamt: Lohnt echt nicht, nachzurechnen), kam ich auf die genial einfache Lösung und war erstaunt, dass wir uns so lange von den Drohgebärden der Chinesen haben einschüchtern lassen. Ich also das Telefonat mit dem Anrufbeantworter beendet, Mutzbraten in drei großen Stücken hinunter gewürgt, den beiden Herren die Hand auf die Schulter gelegt und in James-Bond-Manier gesagt: „Bleibt ruhig Jungs, ich klär’ das für Euch!“

Dann ging alles ganz schnell. Zunächst suchte ich nach einem chinesischen Händler auf dem Altstadtfest, der sein Handy dabei hatte. Kaum gesucht, schon gefunden. Ich zu ihm in für ihn verständlichem Deutsch: „Höl mil gut zu, ich sag das alles nul einmal. Du lufst jetzt zu Hause an und sagst Deinen Leuten, sollten die auch nul noch einmal auf die idiotische Idee kommen und alle zugleich splingen wollen, von wegen Elde aus del Bahn und so, nee, velgesst es! Von jetzt an machen wil die Spiellegeln! Klal Mann?!“

Und dann erzählte ich ihm meine ultimative Präventiv-Idee: Wir drehen den Spieß einfach um und lassen die 1,3 Milliarden Chinesen zittern. Wie? Ganz einfach: Wenn der Rest der Menschheit nur eine Sekunde früher als die Chinesen springt, müsste das a) ausreichen, um einen derart heftigen Gegendruck zu erzeugen, in Folge dessen wir den in China angebauten Reis in die Stratosphäre stanzen und auf ausgestanzten Reis in der Stratosphäre stehen die Leute in China ganz gewiss nicht; b) wir die Leute in China mit dem Reis in der Stratosphäre maximal beeindrucken und ihnen so die Lust auf Erde aus der Bahn ein für alle mal nehmen; und c) brauchen wir uns nie wieder vor der Gefahr – und sei sie noch so gelb – zu fürchten. Weil: Die Leute in China wissen ja jetzt, worauf sie sich einlassen, sollten sie jemals ernsthaft in Erwägung ziehen, alle gleichzeitig springen zu wollen...

Coole Idee, was? Und das alles ohne Fahrradhelm.

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