Samstag, 23 | 03 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Alt wie ein Baum oder Das Leben ist wie eine Bratwurst

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – Während einer Tanzveranstaltung für über 30jährige im Jenaer Volksbad hörte ich jenen Puhdys-Klassiker, der von einem Gedicht Louis Führbergs inspiriert wurde: Alt wie ein Baum. Nun gut, das Lied entstand 1976. Damals mochte die Aussage ja noch stimmen. Jetzt aber frage ich mich, ob wir angesichts des Waldsterbens wirklich alt wie ein Baum werden wollen? Ich meine, wer stirbt schon gern jung???

Während die Partybesucher rings um mich tanzten, begann ich zu grübeln und plötzlich kam mir das Leben wie eine Bratwurst vor: Herzhaft – voller Heißhunger – beißen wir zu, erfreuen uns am Geschmack und wenn wir den letzten Bissen geschluckt haben, bemerken wir – so lecker die Wurst auch war – dass es das dann auch schon wieder gewesen ist. Mit der Wurst und dem Leben. Zum Glück weiß man aber beim Leben nie, wann der letzte Bissen geschluckt ist. Die einen erwischen eine Riesenbratwurst und genießen ihren Lebensabend am Grillteufel-Stand, während andere sich mit einer Mini-Wurst begnügen müssen und quasi nicht wirklich viel von selbiger haben. Vielleicht rührt ja daher die Redewendung, es geht um die Wurst.

Und das es um die Wurst geht, habe ich frühzeitig begriffen. Mit 15 habe ich mich nachts auf Zehenspitzen in die Wohnung geschlichen, um nicht von meinen Eltern ertappt zu werden. Mit 35 kehrte ich ähnlich leise nach Hause zurück, diesmal aber aus Sorge, meine Nachbarn könnten meine nächtlichen Eskapaden bemerken. Und mit 60 wird es dann wohl die Angst vor dem Pfleger und seinem erhobenen Zeigefinger sein... Aber bis dahin ist es ja hoffentlich noch ein ordentliches Stück Wurst.

Und überhaupt: Ich bin dafür, das Renteneintrittsalter auf 87 zu erhöhen. Auf diese Weise schaffen wir von jetzt auf gleich eine Riesenportion Sozialneid ab: Da dann nur noch ca. 0,2 Prozent der Bevölkerung Rente bekommen, gibt es auch keine Diskussion mehr um deren Höhe sowie deren Bemessungsgrundlage. Von wegen Ausbildungszeiten seien zu berücksichtigen! Wo gibt’s denn so was, dass ein Azubi, der den ganzen Tag das Lager kehrt, Kaffee kocht, die Blumen des Chefs gießt und ansonsten regelmäßig zu spät kommt oder Urlaub hat, auch noch Rentenpunkte kassiert?!

Oder die Studenten: Da geht einer mit boshafter Sturheit 47 Semester lang zur Uni, um Philosophie und interkulturelles Management zu studieren, um dann mit dem Diplom in der Tasche in den vorzeitigen Ruhestand zu wechseln! - Oder Erziehungsjahre! Was soll das denn? Können sich die Frauen nicht vorher überlegen, ob sie drei Jahre oder mehr zu Hause bleiben wollen und Talkshows im TV sehen, während der kleine Racker Mittagsschlaf hält?! Ein solches Verhalten darf doch nicht auch noch mit Rentenzahlung belohnt werden!!!

Aber zurück zur Wurst. Oder dem Leben, je nach Betrachtungsweise. Ich oute mich ja jedes Mal aufs neue als Ausländer, nur weil ich als gebürtiger Nichtthüringer meine Bratwurst mit Ketchup esse. Aber was soll ich machen? Mir hat in meinen Kindheitstagen niemand gezeigt, dass die Bratwurst mit Senf zu essen ist. Ich bin in der DDR groß geworden, und da gab es keinen Senf! Sagt man mir doch täglich in diversen Geschichtssendungen im ZDF, ARD, RTL, RTL II, SuperRTL und beinahe stündlich im MDR. Und wenn wir mal Senf hatten, gab es keine Bratwurst. Und gab es beides, dann scheiterte es am Brötchen, weil wir die regelmäßig nach Nikaragua und andere Länder spendeten. Das einzige, was es bei uns zu Hause immer gab, war Ketchup. Kein Quatsch! Meine Mama war im Handel tätig und heute glaube ich, damals zu den Privilegierten gehört zu haben. Aber eigentlich war ich ja schon immer dagegen gewesen...

Und als es dann um die Wurst ging, damals, im Herbst 89, da müssen wir uns irgendwie an unserer Wurst verschluckt haben. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie Eppelmann, der alte Pazifist, Verteidigungsminister werden konnte. Oder Lothar de Maiziére – der wurde doch tatsächlich letzter Ministerpräsident der größten DDR, die es jemals gab! Der Mann erinnerte mich immer an einen magenkranken Statisten eines Theaters, dem man vergessen hatte zu sagen, dass die Vorstellung längst zu Ende ist. Bei einer Größe von knapp 1.65 m und einem gefühlten Gewicht von unter 50 Kg musste ein solcher Eindruck ja entstehen. Jener de Maiziére handelte dann aber gemeinsam mit Helmut Kohl (Helmut, die Birne, der Kanzler der Einheit und der Meister aller Saumägen) den Einigungsvertrag aus und hinterher strahlten beide um die Wette und erklärten, jeweils ihr gesamtes Gewicht in die Verhandlungen eingebracht zu haben. Vor allem der Lothar!

Was dabei heraus kam, ist bekannt - es geht uns gut. Wir haben Senf und Ketchup im Überfluss und ich glaub’, ich hör jetzt auf zu schreiben und hol mir noch ne Wurst!

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