Sonntag, 26 | 05 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Tee als das Leben selbst

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – An jedem Freitagnachmittag, manchmal auch in den frühen Abendstunden, werden in den Einkaufszentren unserer Stadt die Ausscheidungswettkämpfe für die am Samstag stattfindende Wochenend-Einkaufsschlacht ausgetragen. Und nur die wirklich Besten, die mit dem Tunnelblick in der Frischobst-Abteilung, qualifizieren sich für den Samstag. Wer dann bis 20:00 Uhr Lebensmittel im Wert von mindestens 250.- Euro durch die Kasse schleust, hat gute Chancen, bis zum Montag zu überleben.

Ich geriet am Freitagabend im Burgaupark in einen solchen Vorausscheid. Nicht, dass ich daran teilnehmen wollte, ich benötigte lediglich eine Packung Cappuccino-Pulver. Als ich am Tee- und Kaffeeregal vorbei kam, las ich zufällig den Namen einer Teesorte: Sonne des Buddha. Hä? Früher hieß der Tee einfach nur Tee und es gab ihn in den Geschmacksrichtungen Schwarz, Pfefferminz und manchmal noch als Hagebutte. Irgendwann kamen dann noch der Nieren- und Blasentee hinzu, der Magen-Darm-Grippe-Tee und später noch der wiederverwendbare und biologisch-abbaubare Teebeutel. (Bitte getrocknet trotzdem nicht in die Altkleidersammlung geben!)

Jetzt also Sonne des Buddha. Aha. Oder Winterkuss. Auch so ein Quatsch. Wonach schmeckt bitte ein Winterkuss? Mit Winter assoziiere ich Kälte und Dunkelheit und immer wenn es am kältesten und dunkelsten ist, nämlich frühmorgens, muss ich zur Arbeit gehen. Wissen Sie, wonach mir da wäre? Nach einer Tasse "Ich dreh mich jetzt noch mal um in meinem Bett und komme erst zur Arbeit wenn die Sonne hoch genug am Himmel steht und eshier-dreißig-Grad-im-Schatten-hat". Aber diese Sorte gibt es natürlich nicht!

Warum müssen es so poesievolle Namen wie „Heiße Verführung“ sein? Was wollen uns die Teenamensvergeber mit solchen Produktbezeichnungen überhaupt vermitteln? Lautet die Botschaft etwa: Abwarten und Teetrinken, die Verführung kommt dann schon von ganz allein? Was wird mich dann aber erwarten, wenn ich mir eine Tasse Rooibos aufbrühe?! Und überhaupt: Die Hardcore-Fraktion der Teetrinker hält seit Jahren Kongresse zur Klärung der Frage nach der korrekten Aussprache der Sorte „Rooibos“ ab. Warum orientiert man sich bei der Vergabe von Teesortennamen nicht an der Wirklichkeit? Nun gut, „Die Tage werden kürzer“ klingt nicht so poetisch wie „Herbstzauber“, wäre aber wenigstens ehrlich. Oder „Stockdunkle Nacht ab 16:00 Uhr“ trifft es meiner Ansicht nach wesentlich besser als „Winterfeuer“, denn das ist für mich der blanke Unsinn. Das einzige Feuer, welches bei mir im Winter brennt, ist regelmäßig zur Weihnachtszeit die Pyramide, die Feuer gefangen hat, weil mal wieder keiner auf die Katze aufgepasst hat und dann trinkt mein Versicherungsagent bei mir auf der Couch eine Tasse „Am Ende war’s eh immer das Haustier“…

Auf dem Weg zur Kasse kam ich an einem im Markt aufgestellten Monitor vorbei, der gerade einen Werbefilm für frei verkäuflichen Abführtee zeigte. Ein Herr jenseits der 70 plauderte gutgelaunt in die Kamera: „Wenn der Stuhlgang zum Problem wird, dann hat die ganze Familie darunter zu leiden. Gönnen Sie sich deshalb jetzt“, und nun wurde eine 20-Kilo-Familienvorratspackung des befreienden Tees eingeblendet, na ja, der Rest erklärte sich von allein, denn der selbe Herr kam in der nächsten Szene locker beschwingt aus einem Badezimmer und tanzte spontan Salsa mit einer Dame, die gut und gern seine Enkelin gewesen sein könnte. Sein Schlusswort war: „So wird der Stuhlgang zur Wohltat!“ – Na klar! Das haben wir doch alle schon mal erlebt! Aber: Ich will mir keinen Tee kaufen, nur um mich auf dem Klo wohl zu fühlen. Dort will ich einfach nur schnell fertig werden, sonst wird nämlich mein Cappuccino kalt!

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