Montag, 16 | 09 | 2019 - jenanews.de_2.1 - Gute Nachrichten für Jena.
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Wehe, wenn es klingelt

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – Eigentlich freue ich mich ja, wenn mein Telefon klingelt. Ich glaube auch, mich durchaus als kommunikativ beschreiben zu können und ich meine dieses Adjektiv nicht im Sinne der Bedeutung mancher Arbeitszeugnisse: Er war ein sehr kommunikativer Mitarbeiter meint doch auf gut deutsch, er hat die Kollegen den ganzen Tag mit seinem Gequatsche von der Arbeit abgehalten. Nun, so kommunikativ bin ich dann doch nicht.

Wenn also mein Telefon klingelt, erwarte ich den Anruf eines Freundes und wir werten noch einmal die bittere Niederlage des FCC gegen Köln aus; es könnte auch eine Bekannte sein, vielleicht die Verabredung für einen gemeinsamen Kinobesuch oder andere angenehme Dinge. In letzter Zeit aber mehren sich die Anrufe von Menschen, die ich gar nicht kenne und denen ich unmöglich meine Telefonnummer gegeben haben kann. So hat sich mein Pawlowscher Reflex (Telefon klingelt – Vorfreude auf nettes Gespräch mit Freunden und Bekannten – Sprint zum Telefon und Gespräch annehmen) inzwischen mittelheftig abgeschwächt und ich bemerke in meinem Gesicht ein nervöses Zucken des Augenlides sowie ein leichtes Zögern bei der Annahme des Gespräches.

Für manche Anrufer habe ich mir nun gewisse Strategien zurechtgelegt, um meine Freude nicht all zu deutlich zu zeigen. Zum Beispiel gestern, als mich Frau Müller anrief. Ich kenne keine Frau Müller. Aber Frau Müller war sehr freundlich zu mir. Mit aufgeregter Stimme bot sie an, mir interessante Steuersparmodelle vorstellen zu können. Es war 19:45 Uhr, ich lag, die Katze schlafend neben mir, auf der Couch und genoss den Feierabend. Der Fernseher flimmerte beruhigend auf mich ein und ich war ganz damit beschäftigt, den eben gegessenen Döner zu verdauen. Nichts also konnte mir gerade lieber sein als dieser Anruf von Frau Müller.

An der hektischen und zugleich überfreundlichen Art, wie sie sprach, erkannte ich, dass Frau Müller wirklich noch nicht lange im Telefonmarketing tätig sein konnte. So war ich – auch in Anbetracht meines angenehm gefüllten Magens und dem friedvollen Bild, welches meine Katze bot – milde gestimmt und log Frau Müller an, dass es mir gerade nicht passe, dies aber nichts mit ihr zu tun habe. Ich sei für 20:00 Uhr verabredet und sei quasi schon unterwegs. Sie könne aber gerne noch einmal anrufen. Sie bedankte sich überschwänglich und ich legte mit dem schönen Gefühl auf, ein guter Mensch zu sein.

Ich war kein guter Mensch, als mich Herr Wagner anrief. Es war Sonntagnachmittag. Ich las Annie Proulx’ “Mitten in Amerika” und war völlig absorbiert, als mich das Klingeln des Telefons aus Texas zurück nach Jena holte. Herr Wagner erklärte mir – kaum dass ich ein Wort sagen konnte – in souverän-rheinländischem Dialekt, dass er auf Grund meiner Registrierung zurückrufe und sich freue, nun Zeit für mich zu haben. Mein verdutztes Zögern nutzte er gekonnt aus, um mich nach meiner Krankenkasse und der Höhe des von mir derzeit zu entrichtenden Beitragsatzes zu befragen. – Hatte ich erwähnt, dass ich gerade mit einem wirklich guten Buch beschäftigt war? Hatte ich erwähnt, dass ich keinen Herrn Wagner kenne? Und hatte ich erwähnt, dass ich am Sonntagnachmittag meine Ruhe haben will?!

Zunächst versuchte ich also in ruhigem Tonfall zu erfahren, woher denn Herr Wagner meine Telefonnummer habe und weshalb er annehme, dass ich ausgerechnet am Sonntagnachmittag mit ihm Gespräche über Krankenkassenbeitragssätze, Gesundheitsreform und Erkrankungsrisiken im Alter führen möchte? Noch dazu mit einem Mann, den ich gar nicht kenne! Der Rheinländer bügelte mich salopp ab. Ich habe mich auf seiner Homepage (welche Homepage?) registriert und nun rufe er zurück. Ich sei doch gewiss daran interessiert, Geld zu sparen (welches Geld?) und deshalb soll ich mein Geld (…) bei ihm ausgeben. Ich musste ganz tief in die fäkal-verbalen Niederungen meines Wortschatzes abgleiten, um Herrn Wagner davon zu überzeugen, dass ich es gar nicht Wert bin, bei ihm mein gespartes Geld ausgeben zu dürfen… Wie gesagt, ich war kein guter Mensch und Herr Wagner wird das bestätigen.

Manchmal macht es aber auch Spaß, ungebetenen Telefonmarketing-Profis zu zeigen, dass es auch ein mit dem Verkaufsgesprächsleitfaden divergierendes Leben gibt. Zum Beispiel Herr Raschke. Er bat mich telefonisch, bei ihm einen nicht unerheblichen Teil meines Gehaltes in Lottoscheine anzulegen. Monat für Monat, denn das steigere schließlich die Chancen auf sechs Richtige und die Aussicht auf all die vielen Lotto-Millionen (Autos, Häuser, Reisen, Frauen…) müsse mich doch überzeugen. – Ich überlegte ungefähr zwei Sekunden, wie ich Herrn Raschke überzeugend darlegen könnte, was ich von seiner Lotto-Idee hielt. Autos, Häuser, Reisen und Frauen sind ja nicht schlecht, aber man kann nie mehr als eins davon gleichzeitig fahren, bewohnen, antreten, lieben. Na ja, das mit dem lieben geht wohl, wird aber von den Frauen nicht so gern gesehen…

So hauchte ich zunächst nur ein kehliges “Challo?” in den Hörer. Raschke hielt kurz inne, um dann den Verkaufsgesprächsleitfaden erneut aufzunehmen. Ich erneut: “Challo? Warum Du rufen an?” – Stille. Ich: “Wenn Du nicht rufen an wegen Wasser aus Wand, Du mussen nicht rufen an!” An dieser Stelle schien Herr Raschke wohl endgültig den Faden verloren zu haben. Er legte auf. Etwas ratlos, wie mir schien. Aber sollte Herr Raschke im Telefonverkauf scheitern, bleibt ihm ja immer noch die Hoffnung auf einen Lottogewinn…

Manchmal habe ich die GEZ (für Nichtabiturienten und Nichtgebührenzahler: Rundfunk-Gebühreneinzugszentrale) in Verdacht, nach Feierabend stichprobenartig bei den Leuten anzurufen. Zum Beispiel Frau Schreiber. Sie rief mich letzte Woche gegen 20:00 Uhr an. Ich kam gerade vom Joggen zurück, beschallte mich nach dem Duschen mit Phillip Boa und den Sisters Of Mercy, als das Telefon klingelte. In Erwartung des Anrufs eines Freundes oder einer Bekannten nahm ich das Gespräch an und hatte eine übertrieben gut gelaunte Frau Schreiber am Ohr. Frau Schreiber rufe im Auftrag eines Medienforschungsinstitutes an und wolle von mir wissen, ob und welche Radiosender ich so höre. Netter Versuch! Aber doch nicht mit mir! Was denkt ihr Gebührenfuzzies eigentlich, wie clever ihr seid, hm? Ich habe gar kein Radio, ich habe keinen Fernseher und im Auto habe ich auch keinen Rundfunkempfänger, weil es mich vom Straßenverkehr ablenken würde, antwortete ich. Sie höre doch aber laute Musik im Hintergrund, ließ mich Frau Schreiber wissen. Na ja, das ist ein tragbares CD-Abspielgerät mit angeschlossenen Kopfhörern, ein sogenannter Discman, erklärte ich ihr, während ich verzweifelt nach der Fernbedienung angelte, um meine 80.000-Watt-Boxen mit etwas weniger Volumen zu füttern. Und überhaupt, ob sie damit sagen wolle, dass ich lüge? Immer offensiv sein! Wer fragt, führt! Hab ich aus einem Telefongesprächsleitfaden…

Die finale Telefonlüge aber benutzte ich, als ich an einem verregneten Samstagabend während der Sportschau einen Anruf der örtlichen Bofrost-Filiale erhielt. Ich hatte keine Lust auf regelmäßig bis an die Haustür gelieferte Tiefkühlkost, die ich dann auch noch auf meine Kosten selbst auftauen muss. Ich hatte keine Lust auf Gespräche, die mich von der Fußball-Berichterstattung ablenken. Ich hatte wirklich nur Lust auf die Sportschau! Was sollte ich denn auch machen an einem verregneten Samstagabend? Etwa im Ikea-Katalog blättern? Oder aus dem aktuellen Bofrost-Prospekt tiefgefrorene Hamburger bestellen? Wenn ich tiefgefrorene Hamburger will, gehe ich zu Mc Donalds! Ich unterband die Telefonofferten der in sächsisch sprechenden Dame und erklärte mit trauriger Stimme, der Angerufene sei vor einer Woche verstorben und ich sei nun hier, um den Nachlass des teuren Verblichenen zu ordnen. Betretenes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann hörte ich aufrichtig bekundete Worte des Beileids. Vor Dankbarkeit über soviel Trost hätte ich beinahe mitgeweint!

Na ja, jetzt traue ich mich jedenfalls gar nicht mehr ans Telefon. Was, wenn die Leute von Bofrost das hier lesen? Oder gar Frau Schreiber von der GEZ? Und all die anderen? Allein beim Anblick des Telefons beginnt mein Augenlid nervös zu zucken. Ich glaube, am besten wäre es, ich hätte gar kein Telefon.

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