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Netzausfall oder Ich bin allein, so allein

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – Dienstagnachmittag, 15:30 Uhr: Ich will meiner Freundin eine SMS schreiben. Inhalt: hallo spatz, ich denke gerade gaaaaaanz lieb an dich

(stimmt eigentlich gar nicht, denn ich bin heftigst mit meiner Arbeit beschäftigt und denke an den Kundenauftrag, der bis 18:00 Uhr zu erledigen ist, aber sie sagte mir neulich, dass sie schon lange keine liebe SMS mehr von mir bekommen habe). Auf Absenden drücken und BUMM! Versand gescheitert. Hä?! Wieso? Dann lese ich oben links im Display: Kein Netz.

 

Wie, kein Netz? Und dann nahm ich sie wahr, diese grenzenlose Stille um mich herum. Und fühlte mich auf einmal wie E.T. mutterseelenallein im All und konnte nicht mal nach Hause telefonieren!

 

37 Millionen Handynutzer telefonieren in Deutschland mit t-mobile, die Hälfte davon vermutlich in Jena, wenn das Gebimmel, Getute und umms-umms-umms der deutlich wahrzunehmenden Klingeltöne allabendlich in der Wagnergasse als Beleg dafür gelten kann. Nicht so aber an besagtem Dienstag. Netzausfall. Himmlische Ruhe in der Stadt.

Aber eben jene Ruhe machte mich misstrauisch. Was, wenn ich gerade jetzt den ultimativen Anruf verpasse? Der, der mir neueste Brillenmodelle von Apollo verheißt. Zum Vorzugspreis natürlich. Oder die SMS eines Freundes, der noch schnell meinen Tipp für das Fußballspiel am Abend abfragen möchte. Oder der wichtige Anruf meiner Freundin: „Was machst’n gerade...?“ Vermutlich arbeiten, würde ich nicht permanent von Anrufen oder Kurzmitteilungen per SMS gestört.

Hart betroffen vom Netzausfall waren besonders die Damen und Herren Manager. Pustekuchen, von wegen lässig durchs Einkaufszentrum bummeln und dabei mit Tokio telefonieren (Nikkei kaufen, Grüße nach New York, Dow Jones abstoßen!), nee nee, plötzlich war man gezwungen, wieder persönliche Gespräche zu führen. Nicht gerade mit Tokio. Aber für viele Mitmenschen musste das eine gänzlich neue Erfahrung gewesen sein.

Und die Busfahrt aus der Stadt nach Winzerla erst: Wie laaaaang können doch plötzlich zehn Minuten sein, wenn man dabei nicht – die Fahrgäste unterhaltend - mit dem Klassenkamerad telefonieren kann (nee, wir reden dann weiter auf SchülerVZ). Oder die Bahnfahrt nach Lobeda! Ohne Netz nimmt man plötzlich Dinge in seiner Umwelt wahr, die so vorher noch nicht entdeckt wurden: Bäume, Häuser, Menschen...

Besonders dramatisch musste sich der Netzausfall im Paradies ausgenommen haben. Da liegen sie nun in der Sonne, all die jungen Menschen und können nicht im Gras lümmelnd mit Mutti (ja, bin gerade in der Vorlesung) der Schwester (sag bloß Mutti nicht, dass ich die Vorlesung schwänze!), der besten Freundin (schwänze gerade Vorlesung und liege im Paradies, bin übrigens doch schwanger und weiß nicht, von wem) sprechen.

Angenehmer Nebeneffekt des Netzausfalls war übrigens das sofortige Absinken der Strahlenbelastung. Schlagartig leerten sich die Wartezimmer der Neurologen (stechender Schmerz über dem linken Ohr), Psychater (ich weiß genau, dass ich beobachtet werde) und im Arbeitsamt (heute ist nicht mehr mit einem Anruf aus der Personalabteilung zu rechnen). Und die Geheimdienstmitarbeiter – Abteilung Telefonüberwachung - hatten an jenem Tag zeitig Feierabend.


Gegen 21:00 Uhr war der Spuk vorbei. Plötzlich hagelte es SMS – das Netz funktionierte wieder. Besonders freute ich mich über die Nachricht meiner Freundin von 16:32 Uhr: hallo spatz, ich denke gerade gaaaaaanz lieb an dich!

Komisch, hätte sie da nicht in der Vorlesung sitzen müssen???

 

 

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Foto: pixelio.de


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