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Küss mich, ich bin ein Arzt!

Neulich in Jena. Die wöchentliche Kolumne auf jenanews.de. Von Hartfried Ackermann. – Ärzte sind toll! Nein, ich meine das ernst. Und ja – die Band gleichen Namens ist auch nicht schlecht – aber in meiner heutigen Kolumne soll es ausschließlich um die Götter in Weiß gehen.


Jeder Voll-Depp sieht im weißen Kittel richtig gut aus und kriegt ne schicke Frau ab! Kein Quatsch! Du kannst nen Bauch und Glatze bis zum Knie haben, so lange Du nur für alle gut sichtbar die Approbationsurkunde an Deiner Stirn trägst... Von daher fällt es Ihnen sicher nicht schwer zu erraten, welche Verkleidung ich alljährlich beim Fasching bevorzuge. Dumm nur, dass inzwischen andere auch schon auf diesen Trichter gekommen sind und so fällt es Jahr für Jahr schwerer, die Damen während des Karnevals zu überzeugen, dass ich der einzig wahre Arzt im Saal bin.

Wäre übrigens letztes Jahr beinah schief gegangen: Der Wirt hatte sich beim Entkorken einer Sektflasche das Auge ausgeschossen und so rief man nach einem Arzt - und der war ich. Geistesschnell behandelte ich den Mann mit rein homöopathischen Mitteln. Ich war richtig gut! Zwar rettete ihm das nicht sein Augenlicht, aber ich konnte immerhin verhindern, dass man ihm sein linkes Bein amputieren musste! Die Dankbarkeit darüber in seinem noch verbliebenen gesunden Auge entschädigte mich für den nicht unerheblichen Aufwand, den ich zu seiner Genesung betreiben musste... Letztlich verwies ich ihn dann doch an die Notaufnahme und widmete mich wieder dem Faschingstreiben in dem angenehmen Gefühl, ein guter Mensch zu sein.

Einer meiner Freunde (na, jetzt nicht mehr!) bezichtigte mich später der Hochstapelei, worauf ich müde lächelnd erwiderte, Hochstapelei ist, wenn der Stationsarzt die Arbeit von den Assistenzärzten erledigen lässt und sollte dann der Staatsanwalt ermitteln, diesen an den Oberarzt zu verweisen.

Das ist übrigens das einzig problematische am Arztdasein: Diese ständige Angst, von den Patienten verklagt zu werden. Inzwischen glaubt ja jeder nicht sofort von einer Blitzheilung Betroffene an einen Behandlungsfehler („Herr Doktor, ich nehme seit zwei Wochen vier mal täglich Immodium Akut und leide immer noch unter entsetzlicher Verstopfung!“).

Die Situation wird von diversen ärztlichen Ratgebersendungen im Fernsehen noch verschärft. Das ZDF sendet beinahe täglich für seine Hauptzielgruppe, der über 75jährigen, ein medizinisches Format. Der Zuschauer, so er noch sehen und hören kann, erfährt nützliches zum Thema „Prostata auf Kürbisgröße angeschwollen? – So spülen Sie mal richtig durch!“ und kann mit diesem Wissen ausgestattet selbstbewusst im Wartezimmer Diagnostik bei anderen Patienten betreiben.

Vielleicht entwickelt sich daraus ja eine neue Berufsgruppe. Früher gab es Polizeihelfer – das waren Zivilisten, die mit einer Armbinde versehen zu ganz wichtigen Menschen mit entsprechendem Hintergrundwissen über die Vorgänge in der Nachbarschaft wurden. Vielleicht überdenken wir angesichts der Kostenexplosion im Gesundheitswesen die Berufsbezeichnung des Arzthelfers neu. So könnte man Rentner mit beim ZDF erworbenem medizinischen Fachwissen als Arzthelfer durch die Wohngebiete schicken. Sozusagen das mobile Einsatzkommando mit dem roten Kreuz auf dem Rücken. Und erst, wenn der rüstige Senior bei der Diagnose nicht mehr weiter weiß, gibt’s die Überweisung zum Hausarzt. Wäre doch die optimale Nachbarschaftshilfe vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Ärztemangels.

Das würde sich dann auch in der Auslastung der Wartezimmer niederschlagen. In manchen Praxen habe diese bereits die Ausmaße von Großraumdiscotheken angenommen und sind wie die Buslinie 10 im Berufsverkehr chronisch überfüllt. Was aber unsere Gesundheitsministerin nicht weiter stören dürfte, denn sie fährt ja nicht mit dem Bus...

Manchmal treiben diese Medizin-Ratgeber im Fernsehen aber auch seltsame Blüten, denn letzte Woche hörte ich zwei Frauen im Wartezimmer über Prostata-Beschwerden klagen. Worauf ich entsetzt feststellte, dass mein Uterus auch schon geraume Zeit muckert...


Nach den positiven Reaktionen der weiblichen Faschingsgänger auf mein Arztkostüm habe ich nun überlegt, Nägel mit Köpfen zu machen: Die Schreiberei einfach sein zu lassen und mich beim Arbeitsamt mal nach einer Umschulung zum Herzchirurgen zu erkundigen. Die Jungs sehen immer so chic aus, wenn sie - frischgewaschen und den Mundschutz lässig am Kinn baumelnd - aus dem OP kommen und der Verwandschaft des vergeblich Operierten erklären, dass man nichts mehr tun könne, jedoch habe man die Pulsuhr des Patienten repariert.

Apropos Uhr: Ganz schön spät geworden. Ich werf’ jetzt noch ne Immodium ein und geh’ zum LNT-Fasching. Und nicht vergessen: Der einzige Arzt im Saal bin ich!

 

 

 

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Foto: Susanne Seyfarth


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