Früher in der Schule haben wir noch wichtige Dinge fürs Leben gelernt. Dass der Volkspolizist der beste Freund des Jungpioniers ist. Dass die Werktätigen im Windschatten des antifaschistisch-demokratischen Schutzwalls den Sozialismus errichten.

Heute lernen die Kinder in der Schule seltsame Dinge. Dass das schon im Ansatz falsch ist, sieht man daran, dass die Klasse in einem Stuhlkreis beieinander sitzt, die Lehrerin munter einen Ball in die Menge wirft und jeder, der ihn fängt, etwas zu einem bestimmten Thema äußern darf. Zum Beispiel über den Umgang mit Minderheiten.

Bakri, der vor vierzehn Jahren mit seinen Eltern, den 28 Geschwistern, den Großeltern väter- und mütterlicherseits sowie deren 72 Brüdern und Schwestern aus einem irakischen Bergdorf den Tigris durchschwimmend über die Saale nach Jena floh, gehörte einst in der Heimat einer Mehrheit an. Dann kam eine mit Nachtsichtgeräten und Satelliten-Navigation ausgerüstete amerikanische Minderheit in sein Land und brachte ihm die Grundzüge der Demokratie bei: Die Minderheit ordnet sich der Mehrheit unter.
Die Chinesen freilich gehen da einen ganz anderen Weg. Sie vermehren sich grimmig blickend solange, bis sie 51 Prozent der Weltbevölkerung stellen. Feindliche Übernahme quasi. Und wir – die dann wehklagende Minderheit – werden fortan Blatleis und Flühlingslolle essen und für einsfuffzich die Stunde Klamotten fürs chinesische Kik nähen.



Schlimme Aussichten. Da müssen wir dagegen halten! Vögeln, was das Zeug hält. Immer und überall. Volles Rohr ohne Gummi! Es geht um den Erhalt des Status Quo. Amboss oder Hammer sein!
So muss das auch mit dem Gleichgewicht des Schreckens gewesen sein, damals, nach dem Krieg, als die Amis die Atombombe schon hatten und die Russen noch nicht. Als die Russen dann nachzogen, zogen auch die Amis nach und immer so weiter. Und irgendwann gab es auf dem Planeten mehr Atomwaffen als Menschen. Da aber trotz Waldsterben beim besten Willen kein Platz mehr für weitere Mittelstreckenraketen auf der Erde zu finden war, einigten sich die Supermächte schließlich zähneknirschend auf Abrüstung.

So eine Art Gleichgewicht des Schreckens gab es eine Zeitlang auch in unserem Haus. Die Schulzen aus dem dritten Stock hatte eine Katze, ich auch - 2:0 für die Katzenfraktion. Dann tauchte der Löffler aus dem Hochparterre plötzlich mit so einem Kampfpudel auf. Ganz böses Tier! Provozierte einen im Fahrstuhl immer mit so einem betont desinteressierten Blick. Da könnte ich immer total ausrasten! Hab mich aber im Griff und zahlte es dem Löffler heim, in dem ich ihm nachts zweimal mit schnell härtendem Kunstharz die Schlösser seiner Autotüren versiegelte.
Und dann traf ich vor dem Supermarkt die Frau Neumann aus dem fünften Stock mit drei klitzekleinen Hunden. Nein, keine Welpen – ausgewachsen, aber trotzdem nur so groß wie unter Hartleibigkeit leidende Eichhörnchen. Eigentlich zählten die drei nur als ein richtiger Hund, aber sie kackten für sechs und bellten wie neun. Klarer Fall von strategischem Ungleichgewicht! Ich musste handeln.

Vom nahe gelegenen Spielplatz besorgte ich mir in der darauf folgenden Neumondnacht eine Schubkarre voll Hundestuhl und drapierte diesen liebevoll in unserem Treppenhaus. Bis hinauf in den elften Stock. Am nächsten Morgen – ich hatte mir extra den Wecker gestellt – zog ich voller Entrüstung von Etage zu Etage und machte meinem Entsetzen Luft: „Also das ist doch... also sowas... das glaub ich ja jetzt nicht! Das ist ja alles voller Hundekot ist das hier! Da kann man ja gar nicht mehr laufen ohne hineinzutreten und hier... und hier...“ Mit der eigens dafür angeschafften Kamera sicherte ich die Beweise und informierte anschließend die Hausverwaltung.
Eine Woche später war das Problem gelöst. In einem Rundschreiben an alle Mieter wurde die Hundehaltung im gesamten Block aus „hygienischen Gründen“ mit sofortiger Wirkung untersagt. Zufrieden kraulte ich meine Katze.

Gestern beobachtete ich, wie ein asiatisch aussehender Mitbürger die leere Wohnung in der achten Etage bezog. Ha, der kommt mir jetzt gerade recht!

Text: Hartfried Ackermann
Foto: © Gerd Altmann/vector4free.com

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