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Eine Kolumne für... die Sprache

Auch wenn sie schon längst nicht mehr die Sprache Hölderlins, Goethes und Walter Ulbrichts ist - man denke nur an solch geniale Wortschöpfungen wie Key Account Manager oder Re-Re-Call – mit der deutschen Sprache lässt sich noch immer (oder schon wieder?) allerhand Blödsinn verzapfen.

Kein Sprachforscher wird je zweifelsfrei belegen können, wann es begann. An irgendeinem Punkt der Entwicklungsgeschichte musste der Mensch bemerkt haben, dass man Sprache nicht nur ausschließlich zur Kommunikation benutzen kann, sondern auch dafür, Zusammenhänge und Inhalte zu verschleiern.
Bereits Walter Ulbricht nutzte geschickt seine verbalen Möglichkeiten, um das Volk der 120 prozentigen Planerfüllung zu beruhigen, als er sagte, „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Das genaue Gegenteil geschah und so mancher Maurer freute sich über eine Sonderschicht. Kopiert wurde das später von Helmut Kohl, der kurz nach der Wiedervereinigung in Bälde blühende Landschaften im Osten versprach und vermutlich etwas ganz anderes im Sinn hatte.

Heute mag als Beleg das Wort „Tarifanpassung“ stehen, das – anders formuliert - letztlich eine Lohnkürzung oder eine Preiserhöhung meint. Seine Fortsetzung findet es in dem Adjektiv „alternativlos“ und wird immer dann besonders gern von Politikern verwendet, wenn es noch viele andere, meist sinnvollere Lösungen für ein Problem gäbe als die von der Politik favorisierten. Beispiel „Stuttgart 21“: Natürlich kann man mit vielen Milliarden Euro einen Bahnhof abreißen, ein irrsinnig tiefes Loch buddeln und dann unterirdisch auf die verspäteten ICE's warten. Man könnte aber auch für das gleiche Geld eine riesige goldene Toilette bauen und dann die Umbaupläne einfach gen Klärwerk spülen.

Oder die „Griechenland-Hilfe“: Von wegen alternativlos! Nö, sag ich da mal keck, gebt den Griechen doch einfach die Drachme wieder und wenn sie dann mit dem Geld nicht reichen, sollen sie halt neues drucken. Oder haben die etwa auch kein Papier da unten an der Akropolis? Das klänge dann schon fast wie zu den besten Zeiten der sozialistischen Planwirtschaft, doch auch dafür gäbe es eine Alternative: Das griechische Parlament muss nur den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 beschließen (den alternativlosen Testlauf hatten wir ja erst vor rund 20 Jahren und siehe – alles ward gut) und allen wäre geholfen. Der Soli geht nicht mehr in die neuen, sondern in die ganz neuen Bundesländer, Panathinaikos Athen spielt in der 2. Bundesliga, Tzaziki bekäme das Gütesiegel „Made in Germany“ und keiner muss mehr im Urlaub ins überteuerte Italien – den verbringen wir künftig auf dem Grundstück auf Kreta.



Doch auch im ganz privaten funktioniert die Verbiegung der Sprache. Auf den Satz „Ich hab Dich lieb“ wird in vielen Fällen ein „ich Dich auch“ als Antwort genuschelt, meint aber in Wirklichkeit, dass eine andere Antwort nur zu endlos langen und zermürbenden Diskussionen führen würde und außerdem ist es schon spät.
Das funktioniert übrigens auch bei Tieren so. Meine Katze kommt schnurrend zu mir und will schmusen, nach dem sie mir auf den Schreibtisch gekotzt hat. Ich fasse das als Entschuldigung auf und streichle sie und gebe ihr später ihr Lieblingsfutter – Leber. Sie steckt zufrieden den Kopf in ihren Napf und würdigt mich anschließend keines Blickes.

So also ist das mit der Sprache!

Text: Hartfried Ackermann
Foto: © Dieter Schütz, pixelio.de
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