Das gibt es nur auf jenanews.de: Robbensterben, RAF und ein total melodisches Jahrzehnt. Von Hartfried Ackermann


Ich bin ziemlich altmodisch. Wobei das Wort altmodisch inzwischen nicht mehr in Mode ist. Heute sagt man wohl eher oldfashioned oder bezeichnet Dinge, die irgendwie wie früher aussehen mit dem Begriff Retro-Style.
Über meinem Schreibtisch hängt eine große Analog-Uhr an der Wand. Altmodisch. Unerbittlich rückt der große Zeiger vor und signalisiert mir mit seinem Voranschreiten den näher und näher kommenden Redaktionsschluss.
Redaktionsschluss ist ein sehr modernes Wort. Stress und Eile auch.

Ich habe noch einen Beitrag abzuliefern. Wieder klingelt das Telefon: „Wo bleibt der Artikel?!“ Und ich habe überhaupt keine Idee, was ich den Jungs und Mädels in der Redaktion anbieten könnte. Verdammt! Vielleicht sollte ich es doch einmal mit Bewusstseins erweiternden Substanzen versuchen...
Nein, oldfashioned wie ich nun einmal bin, erinnere ich mich an die alte Beatles-Platte in meinem Regal. Wenn ich die rückwärts abspiele, klingt es wie Pink Floyd. Dazu beobachte ich gebannt das rhythmische Blinken der Signalleuchten an meinem WLAN-Router. Derart psychedelisch angehaucht, tauchen in meinem Kopf plötzlich Assoziationen zu blutig geschlagenen Robbenbabys auf. Wäre das nicht einen Beitrag wert? „Nein – zu brutal“, lehnt die Redaktion meine telefonische Anfrage ab.

Die farbig leuchtenden Lämpchen meines Routers erinnern mich an die 70er. Ein schönes Jahrzehnt! Bunt, frei und ohne Deodorants mit 72-Stunden-Wirkung. Das Jahrzehnt der Blumenkinder. Aber auch das Jahrzehnt der Rote Armee Fraktion. Da war ganz schön was los, damals in Deutschland West.
Wäre doch ein cooles Thema, denke ich bei mir und greife zögernd zum Telefon. „Kein Thema!“, bellt es aus der Redaktion zurück.

Ich sehne mich nach Harmonie. So wie in den 80ern. Sehr melodisch waren damals die Charts. Die jungen Leute hatten schicke Frisuren und waren sauber gekleidet. Bis auf die Punks. Man grüßte sich freundlich im Treppenhaus und hielt sich die Tür auf. Ich mag das.

In Erinnerung schwelgend betrachte ich das Depeche Mode-Poster neben der Wanduhr. Frühe Achtziger. Just can't get enough. So alt, dass es beinahe wieder modern ist.
Dann der Anruf aus der Redaktion: „Mach mal was über Retro!“ - Klar doch, gerne.

Text: Hartfried Ackermann
Foto: Gerd Altmann/photoshopgraphics.com


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