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Eine Kolumne für... die Popstars

Drei Monate härtester Recherchearbeit liegen hinter mir. Meine Freundin guckte Popstars und ich musste mitgucken. Kopfschütteln und Fremdschämen hielten sich dabei die Waage.

Irgendwann muss einem völlig zugekifften Fernsehredakteur die Idee gekommen sein, Menschen mit möglichst geringem Bildungsniveau zu casten und diese dann am Nasenring ins Licht der Medien zu zerren. Besonders geeignet scheinen ehemalige H&M-Verkäuferinnen, Teilzeitjobber bei Rudis Resterampe sowie hoffnungsvolle Grundschul-Absolventen mit Migrationshintergrund zu sein. Du kannst zwar nichts, aber Du siehst gut aus. Den Rest machen die Jungs im Tonstudio.

Die jeweils dreistündige Sendezeit besteht aus dem eigentlichen Casting (singen, schreien, weinen, sich zum Obst machen), unglaublich informativen Hintergrundberichten über die Kandidaten („Das ist Fatmir: Das 19jährige Talent aus Essen-Karnap mag Haargel, Designer-Jeans und Weltfrieden. Heute stellt er sich der Jury mit Michael Jacksons Dirty Diana und grüßt damit seine Mutti, die zur Zeit einen schwierigen Alkohol-Entzug durchlebt.“) und einer Moderatorin, die sprachbegabt Spannungsbögen setzt („Jetzt sind es nur noch zwei Mio. Kandidaten und nur vier werden es in die Band schaffen.“ Pause. Herzschlaggeräusche im Hintergrund. Ein Glatzkopf betritt die Bühne und überreicht einen Umschlag mit den Voting-Ergebnissen. Knisternde Spannung. „Ich verlese jetzt die 90 Namen derer, die im Anschluss mit dem Bus ins Bandhaus fahren. Der Rest meldet sich morgen wieder bei der Arge.“)

Ich danke dem Herrn, dass es nicht schon in den 1960ern geschah. Würde es dann Bands wie die Beatles oder die Rolling Stones je gegeben haben? John Lennon wäre wahrscheinlich nicht mal in den Recall, geschweige denn in den Re-Recall - wer dieses Wort erfunden hat, gehört erschossen! - gekommen. „John“, würde Detlef D mit Ausrufezeichen Soost sagen, „das war eine interessante Performance mit der Gitarre. Aber Du tanzt scheiße!“ Und Mick Jagger? „Sorry Mick, aber Dein Gesicht ist nicht Gruppen-kompatibel...“

Stattdessen hätten es Bands wie Overground oder die Preluders - noch besser: Nu Pagadi! - zu fünf Minuten Medienaufmerksamkeit in The Dome gebracht. Zur gleichen Zeit würde John Lennon in einer Fußgängerzone „Imagine“ zur Gitarre singen und einige Passanten würden ihm etwas Kleingeld überlassen. Das wäre doch echt traurig!

Und nicht auszumalen, welche Songs wir heute in Oldiesendungen zu hören bekämen, hätte es diesen Unfug schon zu Zeiten Deep Purples, Pink Floyds oder Bob Dylans gegeben. Im Grunde müsste man Pro 7 und all die anderen Unterschichten-Sender wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung anzeigen, denn die Casting-Fuzzies sind die wahren Terroristen! Da werden Nebensächlichkeiten, die nicht mal in der Sylter Kreiszeitung Notiz fänden, zu Meldungen von Weltrang stilisiert. Das Erdbeben in Peru hat zwar vier Mio. Opfer gefordert, aber Bahar wirkt in ihrem neuen Kleid viel reifer. Ja, die Cholera-Epidemie in Haiti ist schon schlimm, doch Claudius sagt zu BILD: Gleich nach der Tour mache ich die vierte Klasse!

Ein Jahr später dann die nächste Stuhlprobe aus dem Hause Detlef D Ausrufezeichen. Und wieder wird es die absolute Weltkarriere werden, die nach wenigen Monaten im Rahmen der Eröffnung eines Baumarktes in Castrop-Rauxel endet. Todtraurig verkündet die Band, sich nach einer unglaublich schönen und aufregenden Zeit zu trennen, um an Solo-Projekten zu arbeiten. Wir danken unseren Fans, die immer zu uns gestanden haben. Auch nach Ladendiebstählen, Zwangsräumungen oder schlimmen HIV-Erkrankungen.

Der neueste Brei aus der Popstars-Küche heißt also La Vive. There's no time time time for sleeping sleeping. Das geht ins Ohr und von dort direkt in den Darm. Ich brauch die nicht. Mal abgesehen davon, dass ich diese Musik selbst dann nicht hören möchte, wenn ich mir den Hintern rasiere.

Text: Hartfried Ackermann
Foto: pixelio.de
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