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Eine Kolumne für... den Blumenkübel

Unbeschreibliche Dinge geschehen in Münster. Ein Blumenkübel (Wert: 150 Euro) wurde dort vor einem Altersheim zerstört. Eine Lappalie? Gar eine Randnotiz der Geschichte? Mitnichten! Hartfried Ackermann hebt den moralischen Zeigefinger und sagt: Wehret den Anfängen! Lasst Münster nicht zum Flächenbrand werden!


Münster ist überall! Und endlich weiß es – dank Twitter – auch der Rest der Welt: Die Einwohner Deutschlands fahren längst nicht mehr Schweinshaxe kauend im Panzer hockend durch polnische oder andere europäische Wohngebiete. Nein, zuerst wird das heimische Viertel verheert! Früher sprengten wir Brücken aus Furcht vor den heranrückenden Amerikanern. Heute dagegen walzen wir städtische Grünanlagen platt aus Angst vor immer schikanöser werdenden Unterhaltungsangeboten in Altersheimen oder dem ungehinderten Zutritt der GEZ-Ermittler.

So geschehen diese Woche in Münster. Da demolierten am Dienstag Ritalin-gedopte Senioren zu den Klängen der Rolling Stones (I Can't Get No Satisfaction) vor ihrer Unterkunft. Es war Nacht und die Rentner hatten ihren Spaß.

Eigentlich nicht wirklich bemerkenswert, doch darf man den dahinter stehenden Frust der Kukident-Fraktion nicht unterschätzen. Seit Jahren schon brodelt es in den deutschen Altersheimen und Seniorenbespaßungsanlagen. 5:30 Uhr waschen, 6:30 Uhr Frühstück, 7:00 Uhr wecken, 7:05 Uhr Treffen im Mehrgenerationenzimmer zum Gespräch mit Nachwuchspolitikern zum Thema „Weißt Du noch...“ Damals, als die CDU noch die absolute Mehrheit hatte und Frauen noch nicht wählen durften oder damals, als Franz Beckenbauer für Maggi-Suppen Reklame machte und wir Weltmeister waren oder damals, als eine Mauer den Osten vor dem Westen schützte oder umgekehrt. Je nach dem, aus welcher Richtung man durchs Zielfernrohr blickte.

Weiter aus dem Entertainment-Katalog durchschnittlicher Graupudel- und Silberrückenfarmen: 10:00 Uhr Waterboarding (zu deutsch Wassergymnastik), 11:00 Uhr Begehung des neuen Rollator-Adventure-Parks, 12:30 Uhr Herzmassage, 13:00 Uhr Mittagessen. 13:10 Uhr Mittagsruhe, 15:00 Uhr Besuchszeit und Gespräche mit den künftigen Hinterbliebenen. 15:15 Uhr Fußpflege bzw. Frisör (je nach dem, an welches Ende man sich mit dem Kopf auf die Liege bettet), 16:00 Uhr Medikamenteneinnahme und nahtlos im Anschluss daran 18:00 Uhr Abendessen. 18:10 Uhr gemeinsames Ansehen der medizinischen Ratgebersendung im ZDF mit anschließendem Aufklärungsgespräch mit dem Heim-Arzt. Bis 22:00 Uhr (Lichtaus!) ist der Tag minutiös durchgeplant. Da gibt es keinen Freiraum für individuelles Dahinsiechen.

Derart übersättigt vom Unterhaltungsangebot, sucht der rüstige Senior nach dem Thrill der besonderen Art: Quasi als Hilfeschrei rotteten sich so bislang unbekannte Täter auf der Zielgeraden ihres Lebens zusammen und setzen mit ihrer blinden Zerstörungswut ein Zeichen: Heute ist es nur ein Blumenkübel, aber wir können auch anders! Dabei hätte der Schaden in Münster deutlich größer sein können, wären Opa Schulzes Handgranaten infolge nahezu 70jähriger ungehindert eindringender Feuchtigkeit nicht unbrauchbar geworden.


Symbol-Foto: Noch blieb dieser Blumenkübel von der blindwütigen Zerstörungswut der Aufbau-Generation verschont. Doch scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, wann Prügel-Rentner auch vor Ihrer Haustür eine Entgrünungs-Orgie feiern.


Die BILD-Zeitung warnt bereits: Marodierende Rentner – eine tickende Zeitbombe? Na klar, ihr Deppen, das Drama in Münster hat es deutlich belegt. Und die Gefahr wird immer größer, denn nahezu stündlich wächst der Anteil der Senioren im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Das Durchschnittsalter einer Schlange vor einer Supermarkt-Kasse beträgt in den frühen Abendstunden ca. 72,4 Jahre. Ähnlich verhält es sich im städtischen Nahverkehr. Was da zunächst arg gebrechlich wartend an der Haltestelle steht, spurtet nur Sekundenbruchteile nach dem Öffnen der Türen flugs ins Innere und besetzt wehrhaft mit Gehstöcken und Handtaschen einen Sitzplatz. Und das mitten im Berufsverkehr!

Doch die ersten Reaktionen auf das Massaker von Münster stimmen hoffnungsvoll: Die Arbeiterwohlfahrt will in den nächsten zwei Jahren ihre Seniorenresidenzen mit einer 4 m hohen Betonmauer umfrieden sowie alle Grünflächen in den Anlagen asphaltieren. Die junge Union plädiert für Fußfesseln. Auch Duisburgs (noch-) Oberbürgermeister Adolf Sauerland hat einen Vorschlag: Macht die Fluchtwege in Altersheimen schmaler! Und auch Apple hat gewohnt schnell reagiert und bietet seit heute für geistig-vitale Senioren den virtuellen Blumenkübel fürs iPhone zum Download im AppStore an: den iMer.

Ich habe auch eine Idee, wie ich mich vor diesen Stützstrumpf-Rowdys schützen kann. Werde dann in den Baumarkt fahren und einen Blumenkübel kaufen. Den stelle ich in den Abendstunden zur Provokation vor das Altersheim in meiner Nachbarschaft. Sollen sich die blindwütigen Greise doch am Blumenkübel austoben! Da machen sie mir mit ihrem Rollator wenigstens keine Kratzer in den Lack meiner S-Klasse. Hab ich von Opa geerbt.

Die volle Ladung Hartfried Ackermann gibt's hier.

Text: Hartfried Ackermann
Foto: Rolf Handke, pixelio.de


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